Längstes Bike to Work ever

431 km von Duisburg nach Halle/Saale von Sonntag, 2.4.2017, 15:40 Uhr, bis Montag 3.4.2017, 20:30 Uhr.

Ein Besuch eines Projektpartners zur Besprechung am Dienstag um 9 Uhr und die Tatsache, dass zwei Kollegen mit dem Auto dort hinfuhren, mein Businessgepäck mitnehmen und mich samt Rad wieder Heim bringen konnten, ließ den Plan eines kleinen privaten Brevets in mir reifen.

Natürlich spielte auch ein kleiner bürointerner Wettbewerb, wer die meisten beruflich geradelten Km im „warmen“ Halbjahr zurücklegt und der freundschaftliche Konkurrenzkampf zwischen mir, dem bisherigen Seriensieger dieser Challenge und meinem ärgsten „Widersacher“, der mir im letzten Jahr den Sieg abgeluchst hatte, eine kleine Rolle dabei

Schon eine ganze Weile wurde die Wettervorhersage beobachtet und schließlich, als es trocken zu bleiben schien, wurde die Vorbereitungsmaschinerie in Gang gesetzt. Ich bin jetzt zwar kein Schönwetterfahrer, fahre ich doch seit einigen Jahren das ganze Jahr ohne Ausnahme rund 36 km ins Büro und zurück, aber solch eine lange und unbekannte Strecke wollte ich dann doch lieber im Trockenen zurücklegen.

Ein offizielles 200er Brevet hatte ich Anfang März schon mit einer Kollegin bestritten, im letzten Jahr die 300km lange Ruhr2NorthSea Challenge. Jetzt war es Zeit für den nächsten Schritt.

Das Nachfahren von Tracks hat auf meinem alten Garmin Edge 605 bisher schon nicht immer Spaß gemacht. Daran ist sicher auch eine wachsende Sehschwäche mit Schuld. Besagte Kollegin nutzt Komoot auf dem Handy, und dass mit offensichtlich großem Erfolg. So hieß die Navigationslösung also Handy mit dem Garmin als Backup. Die Silikon-Handyhalterung Finn hatte ich schon, nur wurde es damit etwas eng am Lenker. Für genügend Strom sollten zwei Powerbanks mit 10200 und 4000mAh sorgen.

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Cockpit

Neben der Tatsache, dass ich bisher max. gut 300 km am Stück gefahren war, wäre das auch meine erste Nachtfahrt. Und die 3000 Höhenmeter auf der zweiten Hälfte der Strecke konnte ich nicht wirklich einschätzen.

Für die Nachtfahrt musste noch ein ordentliches Kaliber von Lampe her. Meine Ixon Core ist zwar für den täglichen Gebrauch am Renner OK, aber für die tiefe schwarze Nacht muss ein richtiger Böller ran. Bei Magicshine wurde ich mit der MJ-858 fündig. 1000 Lumen, auf 30% Leistung für 5h betreibbar, sollten reichen. Und Preis/Leistung ist mit <100€ inkl. großem Akkupack mit 4.4 Ah ausgezeichnet. Ich weiß nicht, ob die Qualität an Lupine und co. rankommt, aber dafür kostet die Magicshine auch nur ein Drittel und die Anmutung ist mehr als in Ordnung! Nachdem mein Ixxi Rücklicht sich bei Kälte immer von alleine ausschaltet und nicht wieder angeht hatte ich mir ein billiges Batterie-Rücklicht von BuM gekauft und ein paar AAA Ersatzbatterien. Zusätzlich kam noch ein Mini-Flackerrücklicht mit Knopfzelle dazu.

Das nötige Gepäck sollte in meinen Ortlieb Saddlebag L (2,7l) und in meinem kleinen 10l Deuter-Race Rucksack passen. Ich hatte noch kurzzeitig überlegt einen Framebag, evt. von Apidura, zu kaufen, da der Ortlieb-Framebag mir von der Form nicht zusagt, mich dann aber doch für den Rucksack entschieden.

Eine Werk- und Flickzeugbox kam in einen Flaschenhalter. Darin waren: Zwei Ersatzschläuche, Minitool mit Kettennieter, Kettenschloß, selbstklebende Flicken, ein paar Kabelbinder, ein paar Einmalhandschuhe. Minipumpe am Rahmen.

Eine 750ml Trinkflasche sollte (knapp!) reichen. (Nein, eigentlich nicht…)

Losgefahren bin ich in kurz-kurz. Mit dabei waren: Ein zweites Funktionsunterhemd, ein langes Jersey, eine lange Bib, Buff-Tuch, kurze und lange Handschuhe, Regenüberschuhe, Gore Alp-X Softshell Jacke und Shorts, Cycle-Cap, Helmmütze, Leuchtweste, Geldbörse mit Ausweis, EC- und Kreditkarte. Organspenderausweis habe ich mal zu Hause gelassen, ich dachte, dass könnte ein schlechtes Omen sein. Ein Kabelschloss, Ladegerät, Kopflampe, Uhr. Als Notversorgung ein paar Päckchen Studentenfutter, Fruchtriegel und zwei Gels. Und für den Geschmack noch zwei geschmierte Brötchen!

Los ging‘s in recht hohem Tempo über Mülheim, Essen, Bochum, Dortmund, Richtung Unna, wo in Asseln ein erster kleiner Stopp von 20 min gemacht wurde. Bisschen trinken, Brötchen essen, kurzes Jersey gegen langes tauschen, Leuchtweste drüber und weiter.

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Erster Halt bei Unna

10 km weiter dann die erste (und einzige) Reifenpanne. An einem groben Bahnübergang hab ich nicht mehr rechtzeitig hüpfen können und mir einen Durchschlag am Hinterrad eingefangen. 20 min Zwangspause. Eine Stunde später kam eine Tankstelle in Sicht. Es war mittlerweile knapp halb 9 und es wurde kühl. Cappuccino, Flasche auffüllen, doch leider war die Toilette zum Umkleiden nicht zu benutzen, also weiter in kurzer Hose.

Nächster Halt bei Km 140 gegen 23 Uhr bei Mc Donalds in Salzkotten vor Paderborn. Endlich umziehen und ein anständiges Burgermenü. Hier habe ich gut eine Stunde verbracht. Jetzt fingen langsam auch die Höhenmeter an. Im Prinzip kein Problem, kleiner Gang und einfach treten. Wenn man aber eine halbe Stunde tritt und hat nur 6km mehr auf der Uhr kann das etwas demoralisieren. Und wenn man dann mit >50 km/h im Dunkeln bergab rollt hofft man auf gewissenhaft durchgeführte Straßeninstandhaltung!

Gut 70 km weiter war fast Halbzeit, es fand sich aber keine Tankstelle oder ähnliches. Also 30 min im Kalten (um 0 Grad!) in einer Bushaltestelle verbracht und das zweite Brötchen gefuttert. Kurz darauf bog ich in den Weserradweg Hessen R1 ein. Vermutlich der schönste Teil der Strecke, leider hab ich nix gesehen. Dunkel wie im Pavianarsch! Zumindest war der Radweg super in Schuss. Entlang der Weser war’s allerdings neblig und entsprechend feucht-kalt. Der nächste Mc Donalds auf der Strecke war nur noch 40 km entfernt, dort wollte ich dann frühstücken. Aber kurz vorher gegen halb 7 lachte mich ein gemütlich ausschauender Hochsitz an und das ständige auf und ab hatte mich schon ein wenig weichgekocht. Und als ich sah, dass der Hochsitz sogar einen bequemen Polsterstuhl beherbergte, war die Entscheidung gefallen. Hier wird nochmal pausiert. Am Ende bin ich dort gut 50 min geblieben, wäre es nicht so kalt gewesen hätte ich bestimmt noch ein Nickerchen gemacht.

Kurz darauf gegen 8 bei Mecces in Göttingen eingelaufen. Riesenfrühstück, Wärme genießen, ein bisschen Social Media füttern und zu Hause melden. Fast 1,5 h hab ich hier vertrödelt, war aber ganz angenehm

Etwa 30 km weiter nochmal kurze Pause in Duderstadt. Ich merkte, dass die Pausenfrequenz sich langsam erhöhte! Kurs danach passierte ich die ehemalige Grenze. Hier habe ich einen Blick auf die Strecke der Grenz-Stein-Trophy werfen dürfen, die auf den alten Grenz-Kolonnenwegen gefahren wird. Jetzt weiß ich auch wofür die Fatbikes gebraucht werden!

Im nächsten Dorf (Brehme) einen Mini-Edeka entdeckt und zwei Bananen gekauft und direkt verputzt. Irgendwann kann man das Riegelzeug nicht mehr sehen. Jetzt stand endlich die 3 vorne auf dem Zähler. Hier startete dann direkt auch die nächste lange Steigung, da waren die Bananen eine gute Grundlage!

Das mit den Bananen hat mir so gut gefallen, dass ich ein halbe Stunde später gleich beim nächsten Edeka nochmal einkaufen war. 2 Bananen, 2 Bifi und Knäckebrot mit Frischkäse.

Wenig später meldete das Handy Strommangel und ich hielt an um die Powerbank umzustecken. Ein älterer, fit wirkender Herr hielt mit seinem sportlichen E-Bike an und fragte, ob ich Hilfe bräuchte. „Danke der Nachfrage, sehr nett von Ihnen, aber ich muss nur meinen Strom umstecken, sonst alles in Ordnung“. Wo ich denn hin wolle? „Halle“, entgegnete ich, was zu dem Zeitpunkt noch etwas >100km entfernt war. „Oh, das ist ja noch ein Stück“, sagte er. Wo ich denn herkäme? „Aus Duisburg“. Das sind die Momente für die man das (auch) macht.

Nur 45 min später bei Km 336 vor Nordhausen lockte endlich mal wieder eine Tanke. Kaffee mochte ich nicht mehr, es gab Pfefferminztee und eine Laugenbrezel für sagenhafte 99 Cent wegen irgendeines undurchschaubaren Angebotes. Hier war es warm, der Tee tat gut. Wasser aufgefüllt und insgesamt 45 min vertändelt. War mir aber mittlerweile ziemlich egal.

Schon bei Km 350 ging es in die nächste Pause. Auf einem schönen Wander- und Radweg durch die Felder bei Berga fand sich eine einladende Bank, der ich nicht wiederstehen konnte. Und ich hatte noch die Bananen, weg damit! Es kam sogar ein wenig die Sonne durch, die zwar für den ganzen Tag vorhergesagt war, sich aber bisher nicht blicken ließ. Nur ein paar Grad mehr und ich wäre liegen geblieben… Wieder gut 30 min Pause. Wo soll das noch enden?

Mittlerweile gab es einen kalten Ostwind gratis, leicht zwar, aber beständig. Bei Km 384 machte ich nochmal 20 min Pause auf einem kleinen Mäuerchen hockend und Gel lutschend. Schmeckt zwar nicht, aber wenn’s hilft. Hier habe ich dann meine Kollegen angerufen und mitgeteilt, dass ich es nicht zum geplanten Essen um 18:30 Uhr schaffen würde. Es waren noch knapp 50 km und wir hatten viertel vor 6. Das Angebot, mich abzuholen hörte sich zwar gut an, war aber keine echte Option für mich.

Weiter, immer weiter… Mittlerweile erwischte ich mich bei Selbstgesprächen, wahrscheinlich normal bei so einer Aktion, oder? Verfluchte die Steigungen, nicht wegen der Kraft, die die kosteten, sondern wegen der Zeit. Ich fuhr wieder etwas schneller. Meine Frau schrieb zwischendurch, ich könne ja jetzt langsamer machen, wo ich nicht mehr pünktlich da sein muss. Aber langsamer heißt auch länger. Und auf länger hatte ich überhaupt keinen Bock mehr. Meine rechte Schulter schmerzte mittlerweile recht heftig, so machte ich bei Km 417 noch eine letzte Pause von 20 min. Und dann im Endspurt zum Hotel. Zielzeit 20:30 Uhr, Nettofahrzeit knapp >19h, Brutto fast 29h. Gesamtschnitt 22,4 km/h. Na ja.
Hauptsache fertig!

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Letzte Pause kurz vor dem Ziel

Was habe ich mir für Gebrechen eingefangen? Die kleinen Finger sind taub, besonders die rechte Schulter schmerzt wie Hölle, das Fleisch über den Sitzknochen fühlt sich matschig und empfindlich an. Die Knie schmerzen an den äußeren Kanten, rechts mehr als links. Rücken ist ein wenig verspannt, der linke Fußballen schmerzt beim abrollen. Und, nun ja, zwischen den beiden dicken Zehen ist’s auch ziemlich taub. Ich hoffe das gibt sich wieder. Ich muss für die längeren Touren wohl mal mit anderen Sitzmöbeln experimentieren.

Gar kein Problem war die Müdigkeit. Die war einfach nicht vorhanden. Das lag aber bestimmt auch an der Kälte. Allerdings fühle ich mich jetzt, nach fast drei Tagen, noch ziemlich angeschlagen. Und einige Schmerzen sind auch erst später aufgetreten. Die Beine selbst waren allerdings bis zum Schluss noch gut. (Nachtrag: Eine Woche später hatte mich ein grippaler Infekt voll erwischt. Hab ich ewig nicht gehabt, die Arschlochbazillen haben direkt ihre Chance erkannt.)

Nicht so schön ist es schwitzend die Berge hochzutreten und sich bei der Abfahrt oder in Pausen den Arsch abzufrieren. Auf der zweiten Hälfte gab es einfach zu wenig offene Nachttankstellen.

Würde ich so was nochmal machen?

Spontan hatte ich gesagt: Auf keinen Fall. Mit ein bisschen Abstand erwische ich mich dabei, wie ich überlege, was man vielleicht am Material noch optimieren kann.

Bis auf die Kopflampe und das Wechselunterhemd habe ich übrigens alles gebraucht. OK, nicht den zweiten Schlauch und nicht das ganze Werkzeug, aber das ist ja eher gut! Und wenn es in der Pampa keine offenen Tankstellen gibt, hat man besser mehr Wasser dabei!

So, jetzt liegt die Latte wieder etwas höher. Die nächste Stufe wären 600 km. Mal sehen…

 

Und hier der ganze Akt bei Strava.

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6 Kommentare zu „Längstes Bike to Work ever

Gib deinen ab

  1. Hallo „Heldenkurbel“, heute erst lese ich von Deinen Heldentaten: schön geschrieben, wie es Dir ergangen ist, wie Du die Strecke und Dich selbst erlebt hast. Übrigens: Das Thema Gepäck- und Kleidungs-Optimierung ist eine „never-ending-story“. Auch mir fällt immer wieder etwas Neues ein. Am Wichtigsten ist sicher der Ansatz, möglichst zu minimieren. Getreu Einstein: mach es einfach, aber nicht einfacher!

    all the best und viel Freude beim ersten 600er

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für das Kompliment! Ja es war hart, und hat auch Spaß gemacht und war auch Quälerei. Aber in der Erinnerung behält das Schöne die Oberhand. Es ist vielleicht ein bisschen wie Kinder kriegen. Wenn man (bzw. natürlich Frau) die Schmerzen nicht vergessen würde gäbe es vermutlich nur noch Einzelkinder.
      Viele Grüße aus Duisburg
      Markus

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