Mein Einstieg in die „langen Dinger“

2015 war es, als zum ersten Mal die „Ruhr2NorthSeaChallenge“ (R2NSC), 300km von Duisburg nach Bensersiel, ausgetragen wurde. Ich hatte zuvor davon in der Zeitung gelesen, hatte mich aber noch nicht so recht getraut und ohnehin zu dem Termin auch keine Zeit.

Bis dahin war ich erst ein paar mal so 80 km am Stück mit meinem Anfang 2014 gekauften Rennrad gefahren und kam mir schon richtig toll vor. 300 davon schienen mir da noch ein bisschen gewagt. Als dann der 2016er Termin veröffentlicht wurde hatte ich mich in einer Kurzschlußreaktion angemeldet. Mit rund 130€ nicht ganz billig der Spaß, aber gut organisiert mit allen erforderlichen Hilfen für Notfälle unterwegs inkl. Pick-Up Service, ausreichend Verpflegungsstellen und möglicher Rückfahrt per Bus. Wenn man solche Strecken also mal ausprobieren möchte und sich nicht sicher ist, ob das denn auch klappt, ist diese Variante vermutlich die mit Gürtel und Hosenträger.

Zunächst war irgendwie klar, dass ich mit dem Rennrad fahren würde. Kurz vor dem Termin machte mich die Wettervorhersage dann aber nervös. Hohe Regenwahrscheinlichkeit und dann 300km lang sich mit dem Renner den Allerwertesten besprenkeln – kein Spaß!

Also hatte ich mich schließlich wg. der bescheidenen Wettervorhersage entschieden mit meinem sackschweren fast 30 Jahre alten Tourenrad zu fahren. Das war aber nun schon lange nicht mehr richtig gepflegt worden und ich wollte ihm nur noch schnell eine neue Kette gönnen. Die war nämlich schon so weit gelängt, dass die Meßlehre da fast komplett durchfiel. Also ab zum lokalen Radshop und neben der Kette gleich noch ein paar Überschuhe besorgt um die Füße trocken zu halten. Zu hause die Kette montiert und nach einer kleinen Proberunde gleich gemerkt – Scheixxe! Kette rutscht beim Schalten über die Ritzel 1-4, die ich meist fahre und die daher wohl auch am meisten Verschleiß erfahren haben. Nur die schweren Gänge funktionierten noch problemlos. Mittlerweile war der Laden schon geschlossen, also am nächsten Tag gleich nochmal hin um ein neues Ritzelpaket zu erstehen. Nun sind 7er Ritzelpakete nicht mehr State-Of-the-Art und somit nicht lagerhaltig . Also die alte Kette wieder drauf und hoffen. Jetzt, wo der ganze Antrieb sauber war ist die alte Kette aber genauso durchgerutscht. OK, muss irgendwie gehen.

Getümmel am Start
Getümmel am Start

Start sollte Samstag um 4:30 Uhr am Wedau-Stadion sein, was bedeutet 3 Uhr aufstehen und um 4 abfahren zum Stadion. Es gibt kein größer Leid, als was man sich selbst andeit, sagte schon meine Oma immer. Erste Herausforderung war es unter ca. 200 Startern (2017 waren es dann schon >400) meine Gruppe zu finden. Man konnte sich nämlich über die Webseite des Veranstalters verschiedenen Gruppen anschließen oder auch selbst eine Gruppe anbieten um Gleichgesinnte, d.h. etwa gleichschnell Fahrende, zu finden. Alleine fahren kann u.A. auch navigatorisch schwierig sein (dachte ich zumindest). Ich hatte mich also unbekannterweise dem 4er-Team „Die Blindschleicher“ angeschlossen mit einem Teamleader namens „Ruhrpottwalze“. Die Teamnamen waren auf den Startnummern aufgedruckt, die am Rad befestigt werden sollten. Nur war es halt noch recht dunkel und in der unübersichtlichen Meute war es quasi unmöglich die Truppe zu finden, da ich die Kollegen selbst ja auch noch nie vorher gesehen hatte. Ich wollte es schon fast aufgeben, da bin ich eher zufällig über meine Mannschaft gestolpert.

Ein Blindschleicher war krank, so waren wir insgesamt noch zu viert. Die Kollegen hatten einen geplanten Schnitt von 23km/h angegeben, den ich mir mit dem Rennrad auf die Distanz zugetraut hatte. Aber nun mit dem alten Eisenhaufen? Mal seh’n. Bei der Angabe muss es sich um einen Zahlendreher gehandelt haben, die Brüder gaben Stoff als wären die Bananen an den Verpflegungsstationen abgezählt (was sich später quasi als Tatsache herausstellen sollte). Also im Startgetümmel erstmal richtig reingetreten und nach ein paar Kilometern zwar gefühlt immer noch Tausende um mich herum aber kein Blindschleicher mehr zu sehen. So eine große Gruppe entwickelt eine ganz eigene Dynamik. So früh am morgen gelten Ampeln scheinbar nur als Vorschläge und sind keinesfalls bindend, schon gar nicht für größere Radgruppen. Als sonst eher gesetzestreuer Radler musste ich mich schon ein paar mal echt überwinden um das Peloton nicht ins straucheln zu bringen.

An der ersten Pausenstation am Schloß Raesfeld bei Km 50 erstmal Kaffee, Banane und Schokoriegel eingenommen, und siehe da: Die Blindschleicher trudelten nach mir ein! Da hatte mich die blanke Panik doch arg beflügelt. Ich gelobte ab jetzt doch zu versuchen beim Team zu bleiben.

Auf dem nächsten Abschnitt zum Frühstück in Epe bei Km 100 gabs erstmal etwas Regen. Das Frühstück wurde dann mitten in Epe in einem netten Kaffee serviert. Es war wieder trocken und wir konnten sogar draußen sitzen.

Hier traf ich dann auch Paule, den ich kurz vorher bei einer ADFC-Sternfahrt kenngelernt hatte. Bis heute hat er jede R2NSC mitgenommen aber es noch nie ins Ziel geschafft. Mit seiner Partnerin war er schon um Mitternacht losgefahren und hatte nun nach ca. 9 h 100 km zurückgelegt. Paule klöppelt seine Räder selbst zusammen, was die Durchschnittsgeschwindigkeiten erklärt. Gut 30 kg wollen halt bewegt werden.

2017 übrigens hat Paule es ca. bis Km 200 geschafft und ist dann auf einen Campingplatz abgebogen. Der ist da ganz entspannt.

Weiter gings bei sich besserndem Wetter zur nächsten Station in Georgsdorf bei Km 150. Kaffee war hier leider schon alle und die Bananen waren auch von den Schnelleren schon aufgefuttert. Also wieder ein paar Schoko- und Müsliriegel, ein wenig Apfelsaft und Salzstangen und schon ging es weiter.

Auf zur nächsten 50km Etappe. Hier wartete das Mittagessen auf uns. Hühnersuppe oder Bolognesenudeln oder beides. Bei jeder Station übrigens trafen wir eine kleine Gruppe älterer Herren auf Tourenrädern. Zähe Burschen, die immer kurz vor uns aufbrachen, nach einer Weile wieder überholt wurden und jeweils kurz nach uns an der nächsten Station wieder auftauchten. Murmeltiertag…

Zum Mittagessen tranken wir noch ein alkoholfreies Weizen und lümmelten eine ganze Weile rum. Ab jetzt wurden die Abschnitte etwas kürzer, was für die Psyche gut war. Auch rief mein Schritt inzwischen nach Zuwendung, irgendwas fing dort langsam aber sicher an zu scheuern. Zum Glück hatte einer der Blindschleicher edle Salben dabei, die ich dankbar applizierte und die sofortige Linderung brachten. In Zukunft werde ich mich auch mit so etwas ausrüsten.

Nach weiteren 40 km warteten in Leer Kaffee und Kuchen auf uns. Hier kam ein Radler an mit einem mittelprächtigen Tourenrad, aufrechte Haltung in Jeans und Wanderjacke. Kann man machen, aber der sah schon aus als hätte er reichlich von der guten Salbe gebrauchen können.

Letzter Halt vor dem Ziel bei Km 270 in Aurich. Dort, in der ältesten Kneipe Aurichs „Zur ewigen Lampe“, erhielten wir noch ein „Motivationsgetränk“ in Form eines isotonischen Weizengetränks. Für ein paar Stammgäste waren die ständig hereinschneienden Radler scheinbar eine willkommene Abwechslung und wir wurden mit großem Hallo begrüßt.

Auf den letzten 30 km drohte noch ein Unwetter, welches aber letztlich nur die etwa 1h Schnelleren erwischte. Nach rund 16h brutto und 12h netto rollten wir in Bensersiel ein. Ein Schnitt von >25 mit meinem alten Hobel war für mich bis dahin über so eine Distanz nicht vorstellbar. Überraschenderweise hatte ich keine größeren Zipperlein zu beklagen. Scheinbar sitze ich auf dem Ding doch ganz gut. Auch die Zufallsgruppe hat für mich in jeder Hinsicht super gepasst. Wir hatten einen ähnlichen Humor und letztlich auch ein vergleichbares Leistungslevel und es gab nie auch nur einen Hauch von Missstimmung.

Zwei unseres Viererteams fuhren nach einem gemeinsamen Essen und Bierchen noch ein paar Kilometer weiter ins Hotel, von wo aus es am nächsten morgen per Bahn zurück ging. Nummer drei und ich hatten die Rückfahrt per Bus gebucht und so verluden wir die Räder auf den Hänger. Gegen Drei Uhr in der Nacht waren wir dann wieder in Duisburg am Stadion. Strömender Regen sorgte dann doch noch auf den letzten 4 km vom Stadion nach Hause für eine amtliche Dusche. Jetzt wars auch egal.

Fazit: Eine tolle Sache als Einstieg in die Langstrecke. Die Orga ist gut, man fühlt sich sicher. Details kann man immer verbessern, aber das ist Klagen auf hohem Niveau. Ich habe für mich damals festgestellt, dass das wohl auch unsupported geht.

Also demnächst mal bei den Brevets reinschnuppern (was schließlich Anfang 2017 auch passiert ist, aber davon später mehr…)

Hier die Tour bei Strava.

7 Kommentare zu „Mein Einstieg in die „langen Dinger“

Gib deinen ab

  1. Hallo Markus, so eine Tour mit dem sackschweren Tourenrad und „durchratschender“ Kette, das vergisst man wohl auch nie 🙂
    Ich habe mich schon gefragt, ob Du weitermachst (ist dann doch ein bißchen Aufwand, oder?). Und ob Du wohl irgendwann die Kommentarfunktion auf Deiner „Über“-Seite einschaltest, damit ich mich für die nette Erwähnung bedanken kann. So muss das jetzt eben hier passieren…
    Lieben Gruß!

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    1. Hallo Eva,
      der Aufwand ist in der Tat nicht zu unterschätzen. Aber wem sag ich das. Es soll sich dann ja auch zumindest gut lesen.
      Kommentarfunktion auf der „Über“-Seite? Die war bei den Beiträgen einfach da und auf der (vordefinierten) „Über“-Seite nicht. Hab noch nicht gefunden, wo man die einstellen kann.
      Aber ich bin ja auch noch dabei mich reinzufuchsen.
      Viele Grüße aus Duisburg!

      Gefällt 1 Person

      1. Wenn Du die Seite bearbeitest, gibt es doch rechts daneben die „Seiteneinstellungen“. Da ist unter dem letzten Punkt „Weitere Optionen“ eine Checkbox „Kommentare zulassen“ versteckt. Dort kann man das für jeden Beitrag einzeln tun. Ich glaube, man kann das auch irgendwo zentral einstellen, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ich weiß aber nicht mehr, wo das war.
        Und was ist eigentlich mit den Landkreisen? Wolltest Du da nicht mal einsteigen? Wir müssen uns ranhalten, wenn wir die Challenge in 2018 beenden wollen! 😉

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      2. Gefunden!
        Jetzt neu: „Über“ auch mit Kommentarfunktion!
        Und irgendwie hab‘ ich festgestellt, dass dort gar nix über mich selbst steht. Also wirds gleich auch nochmal überarbeitet…

        Allerdings gleich ein weiteres Mysterium entdeckt: Warum hat der letzte Kommentar keine Antwortfunktion?

        Und, ja, die Landkreise. Da muss ich noch liefern…

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      3. Hallo Markus, man kann einstellen, wie viele Verschachtelungen bei den Kommentaren zugelassen sind, das geht in den Einstellungen auf dem Reiter „Diskussion“, Abschnitt Kommentare. Standardmäßig ist das wohl auf drei Ebenen begrenzt.
        Prompt habe ich auch keine Benachrichtigung bekommen, dass Du noch mal geantwortet hast, und das nur zufällig gesehen!
        Dir weiterhin viel Spaß beim Reinfuchsen 😉

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