Das erste „echte“ Brevet

Nachdem ich 2016 die 300 km lange Ruhr2NorthSea Challenge gefahren bin und dabei merkte, dass solche Strecken doch nicht sooo abwegig sind wie die Mehrheit meiner Freunde und Bekannten (und auch ich) angenommen hatten war der Stachel gesetzt. Ich las mittlerweile regelmäßig einige Radelblogs und stieß natürlich früher oder später auf die ominösen Brevets und die Heldenberichte der unerschrockenen Bezwinger solcher Tort(o)uren. Die radeln die 600er runter wie nix und Wewehchen werden unterwegs mit ein bisschen Tape und Ibu unterdrückt. DNF ist keine Option. Jedesmal, wenn ich mal wieder von solchen Recken gelesen hatte wähnte ich mich selbst schon im Auf und Ab von PBP, LEL oder gar TCR. Festive500 #inonego ist doch zum warm werden – dachte ich immer genau so lange bis reale Nässe und reale Kälte mal wieder dabei waren die Oberhand zu gewinnen und nur unter Aufbringung höchster Selbstkasteiung eine deutlich kürzere Tour als die erwähnten zu Ende gebracht werden konnte.

Also Brevet solls sein, aber 200 Km müssen erst mal reichen. Auf der Audax Randonneur Allemagne Seite flugs den nächsten Standort ausgesucht und der ist beim ARA Niederrhein mit Startort in Kevelaer-Twisteden. Arbeitskollegin C. war sogar bereit die Geschichte mit mir gemeinsam anzugehen.

Die Ausrüstung musste bis dahin auf jeden Fall noch optimiert werden. Erstmal eine fette Powerbank und eine Oberrohrtasche besorgt, wo die auch reinpasst. Nicht, dass dem antiken Garmin 605 noch der Saft ausgeht. Und eine größere Saddlebag, damit ich nicht noch mit einem Rucksack los muss. Und schließlich steigt mit jedem neuen Ausrüstungsteil auch die Motivation.

Anfang März 2017 war es dann so weit. Es sollte von Twisteden nach Henrichenburg und zurück gehen. Die Strecke war auf meinem Garmin und als Komoot-Track auf dem Handy von C.. Anreise weicheimäßig per Auto. Wettervorhersage war erstmal ganz OK, zumindest die Regenwahrscheinlichkeit war recht niedrig. Räder ausgeladen, alles nochmal gecheckt und ab zur Anmeldung.

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Ehrfürchtig blickte man auf die anwesenden Piloten und ihre Fahrzeuge. Gefühlt alle mit mindestens hohen 5-stelligen Jahreskilometern, mit Waden gestählt von unzähligen Touren unter widrigsten Bedingungen. Aber nicht nur: Neben mir sah ich ein Pärchen mit recht behäbig wirkenden Tourenrädern und klassischen Packtaschen auf dem Gepäckträger. Tja, die werden schon sehen dachte ich noch. Einzig das Audax Trikot, welches er trug passte nicht ins Bild. Vielleicht sollte man die doch nicht unterschätzen.

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Gestartet wurde in 30er Gruppen mit 5 Minuten Abstand. Mit C. hatte ich geplant so etwa alle 50 km eine kurze Pause zu machen, das war ja bei der R2NSC auch so, konnte also nicht so verkehrt sein. Nach wenigen Kilometern schon bildete sich quasi automatisch ein kleines Grüppchen mit drei Kölnern. Irgendwie passte es auf Anhieb gut mit den Dreien. Man unterhielt sich nett, kurbelte entspannt vor sich hin und so wurde beschlossen erstmal zusammen zu bleiben. Die Drei hatten schon einige Brevets, auch längere, gemeinsam unter die Schlappen genommen und waren von angenehmer Gelassenheit.

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Pause am stillgelegten Restaurant

Nach gut 60 Km hielten wir an um erstmal einen Snack einzunehmen. Die Kölner hatten ganz klassisches Zeug dabei, so geschmierte Brötchen und so, da war ich mit meinen Riegeln und Gels schon ein bisschen neidisch. Das mit den Brötchen muss ich mir merken.

Verpflegung
Nicht so lecker….

Halbzeit und gleichzeitig auch einzige offizielle Zwischenstation war dann an einer Tankstelle in Henrichenburg. Recht unspektakulär wurde dort ein Stempel ins heilige Brevetbüchlein gedrückt und die Flasche aufgefüllt.

 

Wir fuhren noch ein wenig weiter zu einem kleinen Cafe am Wegesrand in der Nähe des Schiffshebewerkes, wo dann eine etwas ausgiebigere Pause mit Pommes und/oder Kuchen gemacht wurde. Jaaa, die Pausen – da geht ordentlich Zeit drauf, das muss besser werden.

Zurück gings in einer nördlichen Schleife Richtung Haltern um nach ca. 50 Km wieder auf die ursprüngliche Hin-Strecke zu treffen. Es rollte gut und der Rhein wurde, wie auch schon beim Hinweg bei Wesel überquert.

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Viel Gepäck für 200 Km, aber das Jersey verrät: Das ist kein Anfänger!

Nur wenig später, auf Höhe Xanten, begegnete uns ein Aldi, der einlud nochmal ein wenig nachzutanken. Ich hatte zwar noch ein paar Riegel (lecker…), aber die Kollegen wollten noch was einkaufen.

Aldi

Jemand zückte sein Handy und die Meldung des Regenradars über eine dicke, dunkle Gewitterwolke, die Richtung auf uns nahm machte die Runde. Zunächst mal gelassen bleiben, dachte ich, aber als alle dann hektisch schweren Regenschutz anlegten hab ich dann auch mal besser meine Regenjacke und meine kurze Überhose angezogen.

Und was soll ich sagen – besser wars. Nach kaum 5 min erwischte uns eine dermaßen heftige Regenfront, dass die Regenausrüstung auch nicht mehr helfen konnte. Und deutlich kälter wurde es genauso plötzlich. Einige stellten sich unter, um den vermeintlichen Schauer abzuwarten. Aber da es nur noch ca. 30 Km waren und wir ohnehin schon komplett durchnässt, war das jetzt auch egal. Kopf runter und durch.

Das sollte sich übrigens schließlich als die bessere Variante rausstellen, weil es den ganzen Abend nicht mehr aufhörte zu regnen. Auf dem letzten Teilstück kamen wir an einem Randonneurskollegen vorbei, der ganz offensichtlich arge Navigationsprobleme hatte. Wir hielten kurz an und luden ihn ein uns zu folgen. Sein GPS war im Regen ausgestiegen und er versuchte erfolglos mit seinem Handy den Rest zu navigieren. Zunächst folgte er uns auch aber schon bald fiel er weit zurück, obwohl wir nicht mehr sonderlich schnell unterwegs waren. Während die Kölner und Kollegin C. vorweg brausten, ließ ich mich zurückfallen um dem Gestrandeten beizustehen. Jetzt merkte ich deutlich, wie abgekämpft der schon war. Obschon ein erfahrener Randonneur (zumindest erfahrener als ich, er hatte den 200er hier schon mehrfach problemlos absolviert, wie er später erzählte), hatte ihn der plötzliche Wetterwechsel gemischt mit seinen technischen Problemen offensichtlich kalt erwischt. Gemeinsam, mit aufmunternden Worten meinerseits und Stöhnen und Schnaufen seinerseits, fuhren wir mit reduziertem Tempo die letzten vielleicht 5-6 Km zu unserem Ausgangspunkt in Twisteden.

Hier wartete im Sportvereinsheim eine heiße Dusche und ein gutes Chili, was die recht abgekühlten Lebensgeister langsam zurückkehren ließ.

Insgesamt waren es schließlich 216 km, und der Lohn der Mühen wurde am Jahresende dann auch in Empfang genommen:

Lohn

Fazit: Feine Sache so ein Brevet. Ich habe zwar noch keine Vergleiche, aber die Organisation fand ich gut. So gut, dass ich mich für 2018 gleich mal bei 200, 300 und 400 Km angemeldet habe.

 

Hier gibts die Strecke auf Strava.

 

 

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6 Kommentare zu „Das erste „echte“ Brevet

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  1. genauso geht es! Entspannt, mit klarem Ziel, immer mit Optimismus und locker. Land und Leute wahrnehmen und genießen. Auf sich selber hören. Und dann meldest Du Dich noch beim 600er an. Wenn Du die anderen Brevets locker abgeradelt haben wirst… keep on riding

    Dietmar

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Dietmar,
      Du wirst es schon ahnen, viele Tips, die ich mir angelesen habe stammen aus Deinem Blog. Der 600er vom Niederrhein passt bei mir terminlich leider nicht. Ich hoffe ich finde noch einen passenden eines anderen Veranstalters. Eigentlich sind die 600 in 2018 ja mal fällig.
      Viele Grüße aus Duisburg
      Markus

      Gefällt 2 Personen

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