Tubeless Desaster mit Happy End

In Vorbereitung auf den Hansegravel wollte ich mein Votec VRX auf Tubeless umrüsten. Die serienmäßigen Schwalbe G-One Allround in 35mm sind ja nicht schlecht, zeigen allerdings nach mittlerweile gut 3.500 km einige Verschleißerscheinungen. Da gehen sicher noch einige Km, aber da ich ohnehin auf Tubeless umrüsten möchte drängen sich vor der großen Runde auch neue Reifen auf. Als jemand, der Testergebnissen fast hörig ist, sind mir die Empfehlungen einschlägiger Medien den WTB Riddler betreffend nicht verborgen geblieben. 40mm ist das offizielle Maximum, was mein Votec erlaubt. Den Riddler gibt’s in 37c und 45c. Ich hätte gerne das Maximum ausgenutzt, und eigene Messungen ergaben im Prinzip, das der 45er auch passen könnte. Letztlich habe ich mich aber nicht getraut, nachher ist der Platz für Matsche zu knapp. Außerdem war explizit der 37er im Test so prima. Tubeless Ventile und Dichtmilch für die Umrüstung lagen dem Bike ja schon bei, so musste ich nur noch Felgenband dazu kaufen. Und für den Fall üblerer Pannen hab ich auch noch Maxalami erworben. Damit soll man auch größere Löcher im Mantel stopfen können. Ich hoffe mal, ich muss es nicht ausprobieren.

Um es vorweg zu nehmen: Es war ein Desaster und es war (mehrheitlich) nicht selbstverschuldet. Natürlich hatte ich gefühlt 136 Youtube Videos gesehen mit Tipps zur Tubeless Konversion, sowie sämtliche Threads aus allen zugänglichen Foren rauf- und runterstudiert. Mental war ich bestens vorbereitet. Also Luft raus aus den alten Schwalben und runter mit dem Mantel von der Felge. Moment – irgendwie hängt der Mantel sehr an seinem Sitz am Felgenhorn. Dass an dieser Stelle schon mit solchen Problemen zu kämpfen wäre hatte ich jetzt nicht erwartet. Eine geschlagene Stunde habe ich zunächst versucht mit bloßen Händen, diversen Reifenhebern, schließlich mit Schraubenziehern und Wasserpumpenzangen sowie einem veritablen Schraubstock den Reifenwulst aus seinem Sitz zu zwingen. Ohne Erfolg. OK, dann muss wohl nochmal der schlaue Herr Google befragt werden.

In diversen Foren fand ich zwei Arten von Antworten auf die Frage: „Wie bekomme ich den Reifen von der Felge?“ Die einen lauten sinngemäß: „Wenn Du schon zu doof bist einen Reifen zu wechseln, solltest Du vielleicht über einen anderen Sport nachdenken!“ Ja, vielen Dank auch – Vollpfosten! Aber es gab auch die andere Seite. Dort berichteten nicht wenige von ähnlichen Problemen, vorzugsweise aus dem MTB-Sektor, wo Tubeless ja nix Neues ist. Da traf ich auch auf den Tipp mit dem Schraubstock, auf den ich aber selbst schon gekommen war. Fazit der Recherche: Du bist nicht allein und es geht nur mit Gewalt. Einer berichtete sogar, dass er den Reifen von der Felge geschnitten hat! So weit wollte ich es nun nicht kommen lassen. Letztlich führte folgende Variante zum Erfolg: Rad auf die Seite legen, mit der Ferse so nah wie möglich an der Felge auf den Reifen treten und die Felge mit beiden Händen und aller Kraft nach oben zerren. Und das von beiden Seiten. Was bin ich froh, dass ich bisher noch keinen Platten unterwegs hatte. Das wäre ein Spaß geworden.

Die Felge war schon mit amtlichem Tubeless-Felgenband versehen, so konnte ich mir diesen Schritt (erstmal!) sparen. Riddler drauf und zunächst mit Schlauch (einer der tausend Tipps aus einem Video) in den Sitz gepresst. Eine Seite mit der Fersenmethode wieder geöffnet, Schlauch raus, Tubeless-Ventil rein, Reifenwulst mit Spüli flutschig gemacht und mit der Standpumpe aufgepumpt. Das war ein kritischer Moment, weil ich nicht sicher war, ob das ohne Kompressor o.ä. funktionieren wird. Tat es aber – Hurra! Ist doch ganz einfach. Und der Reifen machte schon ohne Dichtmilch einen guten, dichten Eindruck. Luft wieder raus, Ventileinsatz rausgeschraubt und Dichtmilch eingefüllt. Einsatz wieder rein, aufgepumpt bis zum Maximaldruck von 3,5 bar und drehen, drehen. drehen. Und seitlich drehen, drehen, drehen. Rad einbauen und im Montageständer drehen, drehen, drehen. Super, läuft bei mir.

Jetzt das Vorderrad. Jetzt weiss ich ja, wie es geht. Ging auch, bis zu dem besagten kritischen Moment. Das Vorderrad wollte sich nicht aufpumpen lassen. Arhg! Also kommt man wohl doch nicht immer ohne Kompressor, Spezialpumpe o.ä. weiter. Günstigste Lösung ist wohl der Tire-Booster von Schwalbe. Eine Art Mini-Pressluftflasche, die mit einer Standpumpe auf 11 bar geladen wird und mittels eines Ventils die Luft schlagartig in den Reifen entlädt, der dann nicht mehr anders kann als sich ordentlich ins Felgenbett zu setzen. Dauert halt nur weitere 2-3 Tage bis der Kram dann bei mir ist. Also bestellen und warten.

Am nächsten Morgen das fertige Hinterrad nochmal begutachtet. Oh, reichlich Druckverlust und deutlicher Austritt von Dichtmilch an den Reifenflanken. Hmm. Nochmal nachgepumpt und drehen, drehen, drehen. Abends nachgesehen – Reifen fast komplett leer und wieder reichlich Austritt von Dichtmilch. Na super. Pumpen, drehen.

Das wiederholte sich nun zwei Tage lang unverändert bis die Bestellung eintraf. Sicherheitshalber gleich nochmal einen halben Liter Dichtmilch dazu geordert und das offizielle Schwalbe-Flutschi-Zeugs mit Schwammapplikator. Es kam nämlich die Vermutung auf, zuviel Spüli hätte die Dichtmilch gehindert eine innige Verbindung mit den Reifenflanken einzugehen. Und um als Grund des Luftverlustes auch etwaige Beschädigungen des vorhandenen Felgenbandes auszuschließen wurde jetzt doch noch neues Felgenband verlegt. Sicher ist sicher! Der Tire-Booster versah seinen Dienst hervorragend. Mittlerweile war mir Mon- und Demontage der Reifen in Fleisch und Blut übergegangen.

Des Desasters zweiter Akt

Also Hinterrad wieder demontiert, Reifen runter, Dichtmilch aufgefangen, Ventil raus, altes Tape raus, Felge penibel gesäubert und neues Tape drauf. Alles wieder zusammengeklöppelt, Tire geboostert, Dichtmilch rein, Ventileinsatz rein, pumpen und drehen, drehen, drehen.

Dann das Vorderrad. An der Stelle „geboostert“ vernehme ich ein deutliches Zischen, was auch schnell lokalisiert ist. Ganz klar, da ist ein Loch im Mantel von einer Größe, die möglicherweise den Einsatz der Dichtwurst erforderlich machen würde. Also alles wieder runter und die Stelle mal untersucht.

Dort, wo diese Fertigungsnupsis (so will ich sie mal nennen) sitzen ist einfach echt wenig Material. Und einer davon war eben komplett durchlässig. Die Flanken des Riddler sind ohnehin schon sehr filigran. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der sonderlich pannensicher sein kann. Im besagten Test bezog sich die Pannensicherheit auch nur auf die Lauffläche.

Am nächsten Tag den Versender kontaktiert und das Problem mittels Foto geschildert. Erste Rückfrage war, ob ich denn Erfahrung mit der Montage von Tubeless-Reifen habe. Ja, jetzt schon, und zwar reichlich und umfassend, vielen Dank der Nachfrage! Leider (oder Gott sei Dank?) war der Reifen nicht mehr auf Lager, so dass ich schließlich beide zurückgeschickt und stattdessen zwei Schwalbe G-One Bite in 38c bestellt habe. Um es jetzt mal kurz zu machen: Montiert (ohne Tire-Booster!), direkt dicht. Null Problemo! Und weil ich mich, ob des Desasters nicht um meinen Renner habe kümmern können bin ich zwei Tage später das 200er Brevet mit dem Graveller gefahren.

Ende gut, alles gut!

Böse Zungen behaupten ja, wenn ich denn auch mit dem Riddler direkt 200km weggedrückt hätte, wäre der jetzt auch dicht. Möglich. Vielleicht war es auch einfach ein Montagsmodell, was ich da zufällig bekommen hatte, und der Schwalbe ist auch definitiv nicht so sexy wie der Riddler. Aber eins kann ich versichern: Jetzt kenn ich mich aus mit Tubeless!

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8 Kommentare zu „Tubeless Desaster mit Happy End

Gib deinen ab

  1. Auweh, tubeless – meinen ersten Versuch habe ich schnell wieder abgebrochen (35er G-One am Bombtrack), das war nix ohne neues Felgenband (hatte ich nicht). Beim Surly ECR habe ich, faul ist Trumpf, in der Werkstatt meines Vertrauens auf tubeless umrüsten lassen … da ich aber die 3.0 Knard-Reifen gegen 2.2 Maxxis tauschen will, steht mir der Selbstversuch erneut bevor, denn mir geht es wie Dir: Letztlich muss man es selbst hinbekommen.

    Wir sehen uns in Hamburg! Und ich weiß immer noch nicht, ob Bombtrack oder Surly … 😉

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  2. wenn ich so etwas lese, wird mir immer schwindlig…
    Ich hole am Montag mein nächstes/neues Rad (was, wie, warum steht dann beizeiten bei mir drüben)
    und will/werde eventuell auch auf tubeless umrüsten…
    Aber ich hab Zeit zum probieren/üben/fluchen – brauchs erst Anfang Juni beim Tuscany-Trail

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    1. Na ja, ich erhoffe mir eine deutlichst verbesserte Pannenstatistik. Wobei ich bei den ersten 3.500 km keine hatte. Aber wenn, dann wäre ich echt im Arsch gewesen, so gut wie die Reifen runter gingen. Mal sehen wie das wird, wenn ich das erste mal die Pannenwurst brauche.

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    1. Hallo Isabel,
      am besten einfach mal zu hause die Zeit nehmen und zur Übung Rad ausbauen, Reifen runter und wieder drauf ziehen. Ich glaube, jetzt nach dem beschriebenen Drama würde es mir auch unterwegs gut gelingen.
      Und vielleicht noch zur Beruhigung: Meine Kollegin hat den gleichen Reifen (mit Schlauch) auf einer anderen (auch tubeless fähigen) Felge und hatte schon zwei Pannen unterwegs problemlos behoben. Es hängt wohl auch immer von der jeweiligen Reifen/Felge Kombi ab.
      Viele Grüße aus Duisburg,
      Markus

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