Hanse Gravel 2019 – Pt.1

Daniel gibt mir auf dem Weg nach Entenwerder schon eine partielle Stadtführung. Uns begleitet Sebastian Schwesig mit gewagter 28 mm Bereifung, die sich allerdings später als durchaus fähig herausstellen sollte die Strecke zu meistern.

In Entenwerder ist der Steg zum Schwimmponton, der das Café beherbergt mit Gravelrädern unterschiedlichster Coleur verziert. Etliche frühstücken hier und nicht wenige haben auf der Wiese schon vor dem Start den ersten Overnighter hinter sich. Meine Nacht war zwar kurz und wenig erholsam, aber wenigstens konnte ich noch duschen und musste nicht schon jetzt Zelt und Zubehör feucht einpacken. Nachts hatte es noch ein wenig geregnet, langsam setzt sich aber die Sonne durch und die frühen Strahlen lassen die Lebensgeister erwachen. Ich bin durchaus angenehm aufgeregt.

Ich treffe einige bekannte Gesichter, wobei ich außer Daniel keinen vorher persönlich kannte. Jochen Kleinhenz, der seine Raderlebnisse unter „Mein Fahrrad und ich“ teilt, erkenne und grüße ich als einen der Ersten. Er hat sich inzwischen nicht nur fast völlig der Gravellei (ist das ein Wort?) verschrieben, sondern ist auch der Kopf des Mainfranken Gravellers, einer recht anspruchsvollen Gravel Tour, die am 30. Mai Ihre dritte Auflage begeht. Oder „Radelmädchen“ Juliane Schumacher aus Berlin, die auf Fotos irgendwie immer lacht und auch in echt immer gut gelaunt scheint. Muss am Radfahren liegen. Mit am Meisten habe ich mich gefreut, als ich Eva Ullrich, aka „Takeshi“ in der Starterliste entdeckte, deren Blog ich sehr mag und schon ganz lange lese. Leider haben wir uns nur ganz kurz gesehen und begrüßt und sind uns auch auf der ganzen Strecke nicht mehr über den Weg gefahren. Später habe ich gesehen, dass sie mit Joas „Kettenpeitscher“ Kotzsch etwas später gestartet und während ich schon im Zelt lag vorbei gezogen ist. Und schade war es auch Joas nicht wirklich zu treffen. Er kam dem Peleton nach dem Start mit Verspätung entgegen. Auch seinen Blog lese ich gerne, obwohl er in letzter Zeit etwas schreibfaul war. Ebenfalls zu spät erschien die Hamburger Radlegende Harald Legner, der vermutlich der Grund sein wird, weshalb „legnern“ (etwa: Radfahren mit dem Ziel Kuchen zu essen) als Begriff bald im Duden zu finden sein wird. Mit ihm, André und Christoph durfte ich zumindest am zweiten Tag ein gutes Stück gemeinsam fahren bevor er dann die nächste Nacht durchfuhr und etliche Stunden vor mir Stettin erreichte.

Doch zurück zum Start. Pünktlich um 10 geht es im Rudel von bestimmt 100 Radlern recht chaotisch quer durch Hamburg. Einige waren schon vorab gestartet um dem Getümmel zu entgehen. Teilweise muss das Rad Treppen herauf und herab getragen werden. Schöne Wege entlang der Alster teilen wir uns mit etlichen Spaziergängern. Das Wetter ist perfekt, Armlinge und Windweste verschwinden schon bald in den Trikottaschen. Nach ca. 60 km führt der Track mitten durch die Fußgängerzone von Bad Oldesloe. An einem Café parken viele einschlägig ausgerüstete Räder und einige Gravelpiloten haben schon die Außenplätze belegt. Es ist knapp 13 Uhr, Zeit ein wenig zu legnern. Nach eine halben Stunde geht’s weiter. Extrem langsam rollere ich auf der Suche nach der Fortführung des Tracks durch die Fußgängerzone und werde von einer stattlichen Dame mit schriller Stimme und den Worten: „HIER IST DAS RADFAHREN VERBOTEN, HABEN SIE DIE SCHILDER NICHT GESEHEN“ angesprochen. Ich erwidere, dass ich gerade meinen Weg Suche und ja auch gar nicht richtig fahre und ich die Schilder nicht gesehen habe, ihr aber trotzdem glauben würde. „WIR KÖNNEN AUCH GLEICH DIE POLIZEI HOLEN UND EIN TICKET SCHREIBEN LASSEN“. Mächtig unentspannt, denke ich, steige ab und frage ob es denn so recht wäre. Missmutig setzt sie ihren Weg fort. Belustigt muss ich an die vielen weiteren Graveller denken, von denen nicht wenige in Kürze ihren Weg kreuzen werden.

Ab Bad Oldesloe folgt der Track im Groben dem Flüsschen Trave welche etwa bei Km 100 per Bustransfer und Tunnel unterquert wird. Der zuvor in ausufernden Diskussionen dort befürchtete Stau wg. vieler Radler, die gleichzeitig den Bus entern würden blieb vollständig aus. Ebenso knapp 15 km weiter, wo die Trave erneut bei Travemünde gequert wird, diesmal per Fähre.

Bei Dassow lockt ein Penny Markt mit angeschlossenem Bäcker zum Verweilen. Mittlerweile bin ich knapp 7 h unterwegs. Hier ist ein reges Kommen und Gehen von Gravellern zu beobachten und das lädt fatalerweise zum Verweilen ein, was mich über eine Stunde kostet. So langsam deucht mir, dass es mit meinem Plan jeden Tag mind. 200 Km zu fressen knapp werden könnte. Die Strecke ist zwar flach aber doch recht anspruchsvoll. Der Sand wird tiefer und schließlich führt der Track mitten über einen frisch angelegten Acker. Wenn dort nicht schon reichlich Reifenspuren zu sehen gewesen wären, hätten wir bestimmt nach Alternativen gesucht. Kurz nach 19 Uhr, hinter Grevesmühlen halte ich an einer Bank um die in Frage kommenden Campingplätze anzurufen. Natürlich erreiche ich dort keinen mehr (hätte ich mir auch denken können) und da ich keine Lust habe in der Nacht irgendwo mein Lager aufzuschlagen wird mein heutiges Tagesziel bei Km 200, der Campingplatz „Am Salzhaff“ bei Neubukow, kurzerhand um 35 km vorverlegt und ich steuere einen Campingplatz bei Zierow, 10 km vor Wismar, an.

Just als ich wieder aufbreche kommt Andrè A. vorbei, mit dem ich schon beim Penny eine Weile gesessen und geplaudert hatte. Wir fahren gemeinsam weiter nur um kurz darauf wieder absteigen zu müssen, weil die wohl höchste Erhebung der Umgebung per Treppen erklommen werden möchte. Auf dem „Gipfel“ belohnt uns eine Aussichtsplattform mit herrlicher Rundumsicht. Hier muss man einfach halten und ein paar Fotos schießen. Auch ein Grund, warum in der Praxis die Km immer langsamer purzeln als in der Theorie. Später erfahre ich, dass hier in der ersten Nacht eine größere Gruppe biwakiert hat.

Bei Zierow trennen sich unsere Wege. André sucht sich eine Pension und ich steuere den Campingplatz an, der nur ca. 1 Km vom Track entfernt direkt an der Ostsee liegt. Ich schelle an der Rezeption und eine Männerstimme lädt mich ein mir einen Platz auf der Zeltwiese zu suchen, bezahlen könne ich auch morgen noch. Prima. Es ist Halb neun, das Restaurant hat noch geöffnet und so wird erstmal fürstlich getafelt und ein Bierchen getrunken bevor ich mein Zelt aufbaue. Sicherheitshalber nehme ich mir noch eine Flasche Bier mit.

Auf der Wiese des recht großen Platzes ist noch ein weiterer Graveller im Zelt zu finden. Und da dieser vor Schließung der Rezeption ankam ist er im Besitz einer Karte, mit der man der Dusche heißes Wasser entlocken kann. Nach dem trockenen und warmen Tag tut es gut Schweiß und Staub abzuwaschen. Im Laufe der nächsten zwei Stunden erreichen uns etliche weitere Mitstreiter, die alle von dieser Karte noch profitieren sollten. Mit einem Kollegen tausche ich mein halbes Bier gegen einen guten Schluck aus seinem Flachmann.

Die Nacht wird nicht so kalt wie befürchtet und die Premiere für mein Kleinzelt nebst Billigstschlafsack und Ultraleichtmatte fällt erträglich aus. Stille Bewunderung hege ich für diejenigen, die hier neben mir nur im Biwaksack oder bestenfalls unter einem einfachen Tarp schlafen. Respekt! Platznachbar Heinz, auch ein Blogger den ich schonmal gelesen habe, hat zwar nur ein Bivy, aber dafür bereitet er sich noch eine warme Suppe und kann morgens einen amtlichen Kaffee zaubern. Alles eine Frage der Prioritäten. Obwohl er sich am nächsten Morgen doch intensiv nach der Performance meines Zeltes erkundigt.

Der Tag beginnt früh. Mit der Morgendämmerung wird schon begonnen alles abzubauen und wieder am Rad zu verstauen. Das ist doch mehr Aufwand als vermutet. Auch die Nachbarn erwachen schon und wir sind verschwunden, bevor der Platz offiziell eröffnet. So geht es noch hungrig und ohne Kaffee Richtung Wismar, wo dann erst mal ein ausgiebiges Frühstück geplant ist. Die weitere Strecke führt traumhaft, aber anstrengend direkt an der Wasserlinie entlang der Wismarer Bucht. Um kurz vor acht lockt mich ein Schild mit Frühstücksangeboten in das Restaurant Seeperle. Es öffnet zwar erst um acht, aber ich darf schon mal Platz nehmen und die Karte studieren. Das größte Frühstück, dessen ich habhaft werden kann wird geordert, das „Admiralsfrühstück“, und es stellt tatsächlich eine Herausforderung für mich dar. Während ich dort sitze sehe ich den einen oder anderen Graveller vorbeifahren. Erst eine gute Stunde später geht die Reise für mich weiter.

Auf ausnahmsweise mal sehr guten und glatten Wegen gehts idyllisch durch die Hafflandschaft Richtung Nordost. Nach einer Weile ist die Maschine auf Betriebstemperatur und die Arm- und Beinlinge können abgelegt werden. Hier holen mich nun Harald, André K. und Christian B. ein. Eine ganze Weile werden wir nun zusammen fahren und ein bisschen plaudern. Auch wenn ich aus verschiedensten Gründen gerne allein unterwegs bin genieße ich nun die angenehme Gesellschaft.

Harald fährt Singlespeed mit Riemen und auch wenn die Strecke nur wenige Höhenmeter hat bin ich froh in tiefem Sand auch mal in einen kleinen Gang schalten zu können. Überhaupt ist in unserer Kleingruppe ein bunter Querschnitt der verschiedenen Setups zu sehen. André auf stählernem Bombtrack mit 2×10 Gängen und traditionellen Old-School Randonneurstaschen, Christian zwar auch auf Bombtrack aber in Carbon mit 1×11 und modernem Bikepacking-Zeug, Harald auf Soma in Stahl ohne Schaltung und zwei großen Taschen am Lowrider mit Pizzarack und ich mit Alu und 1×11. Fehlt uns nur noch ein Bekloppter mit reinrassigem Rennrad und die Mountainbike/Fatbike-Fraktion, dann hätten wir alle Möglichkeiten aufgezählt. Ich glaube Klappräder habe ich nicht gesehen, aber das hätte mich jetzt auch nicht mehr gewundert.

Im weiteren Verlauf der Strecke wird es mal wieder anspruchsvoll. Umgestürzte Bäume sind zu umklettern, tiefe Sandpisten kosten viele Körner, gröbstes Kopfsteinpflaster schüttelt uns durch. In Neubukow beim Norma gibt es nochmal eine Legner-Pause. Da ich mich von meinem Basisplan, der besagt mit zwei Übernachtungen auszukommen, noch nicht ganz verabschiedet habe, trennen sich unsere Wege bald wieder und ich lasse das Trio zurück. Hinter Bad Doberan folgen noch ein paar sehr schöne Waldabschnitte in denen ich wieder alleine unterwegs bin.

Es ist früher nachmittag und langsam nähere ich mich Rostock. Interessanterweise führt der Track mitten durch den Hauptbahnhof! Hinter Rostock fahre ich hart am Ausläufer eines Gewitters entlang. Das Unwetter läuft vor mir weg und ich bekomme nur wenig Regen ab, aber die Straßen zeigen, dass hier gut was runtergekommen sein muss. Später höre ich, dass andere nicht so viel Glück hatten.

tbc…

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4 Kommentare zu „Hanse Gravel 2019 – Pt.1

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  1. Hallo Markus,
    wieder sehr schön zu lesen! Ich finde es spannend zu erfahren, wer wann wo war, oftmals ist man nur knapp vor- oder hintereinander gefahren. Im Shuttlebus waren wir gemeinsam 😀
    Ich freue mich auf den nächsten Teil, lass Dir ruhig Zeit damit!
    Gert

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Markus,
    schön zu lesen und schön zu gucken, da werden Erinnerungen wach 🙂 Klasse, dass Du soviel fotografiert hast. Wenn ich Deine Bilder sehe, kann ich mich an einige Passagen gar nicht erinnern. Das muss wohl daran liegen, dass ich zu sehr vertieft im Gespräch mit Eva war 😉

    Und ich wähnte Dich immer weit vor uns, aber dann sind wir ja sogar an Dir vorbei gefahren :O – höchstwahrscheinlich auch während ich mit Eva am Quatschen war, nee Spaß beiseite, das muss dann in der Nacht gewesen sein, denn Wismar haben wir am ersten Tag um einige Kilometer hinter uns gelassen. Dafür ist dann so ein Blogpost auch klasse, man kann noch mal so schön rekapitulieren.

    He he: „Sicherheitshalber nehme ich mir noch eine Flasche Bier mit.“ und „Admiralsfrühstück“ das gefällt mir. Bei der nächsten Veranstaltung sprechen wir uns. Versprochen!
    Gruß
    ;-)oas

    Gefällt 2 Personen

  3. Sehr schön geschrieben! Und ja: Spannend, wann wer wo war und was wie empfunden hat – dem Unwetter bin ich auch hinterhergefahren (zusammen mit Tobi We dann), manchmal lohnt es sich doch, nicht zu sehr aufs Tempo zu drücken.
    Bin gespannt auf die Fortsetzung!

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