Hanse Gravel 2019 – Pt.2

Hinter Rostock muss gut was runter gekommen sein. Da hab ich scheinbar nochmal Glück gehabt, denn von oben habe ich kaum was abbekommen. Gerade so viel, dass es sich nicht lohnt dafür anzuhalten um die Regenklamotten überzustreifen. Dass das möglicherweise ein Fehler war merke ich erst, als ich im Wald die ersten großen Pfützen nicht mehr umfahren kann. Hier hätten zumindest die Überschuhe gut getan.

Als ich mich entschließe die Regenjacke anzuziehen, weil der tiefe Nebel im Wald doch ganz schön kalt ist kommt ein Dreigestirn des Weges daher, welches ich schon einige Male unterwegs getroffen habe. Zwei davon mit amtlicher +Bereifung auf selbst aufgebauten leichten Titan Mountainbikes. Nicht die schlechteste Wahl bei der Beschaffenheit der Strecke. Hier auf dem weichen und nassen Waldboden sind sie mir jedenfalls deutlich überlegen. Immer wenn wir uns bisher trafen wurde ein wenig freundschaftlich gefrozzelt, weil sie die „Luxusvariante“ mit Hotelübernachtungen favorisierten und ich ja zumindest halb abenteuerlich wenigstens mit einem Kleinstzelt nach Campingplätzen Ausschau hielt, wenn schon nicht im Biwaksack in wilder Natur genächtigt wird.

Nach einer Weile kommt schon wieder die Sonne raus und die Szenerie wirkt gleich viel freundlicher. Ein weiteres Paar, offenbar auf dem gleichen Weg, überholt mich bei einer kleinen Fotopause.

Ich erreiche mit Ribnitz den nächsten größeren Ort. Dort geht es ein Stück direkt am Saaler Bodden entlang. 20 km weiter bei Trinwillershagen treffe ich an einer verwaisten Bushaltestelle die Titanier wieder, die sich gerade telefonisch eine Unterkunft in der Gegend buchen. Wieder Zeit für ein wenig Gefrozzel.

Ich muss mir auch langsam überlegen, wo ich mein Zelt aufschlagen will und entscheide mich für einen kleinen Platz kurz vor Stralsund, was für mich noch etwa 30 km bedeutet. Die telefonische Anfrage führt zu Tage, dass es zwar ein Restaurant am Platz gibt, welches aber ausgerechnet heute eine geschlossene Gesellschaft zu Gast hat. Daher der Hinweis (für den ich sehr dankbar bin!), dass ich mich selbst versorgen muss.

Die von freundlichen Mitfahrern erstellte und veröffentlichte Tabelle mit offenen Tankstellen und größeren Einkaufsmöglichkeiten an der Strecke erweist sich einmal mehr als sehr hilfreich!

In Velgast, ca. 10 km entfernt soll es noch einen Supermarkt geben. Sicherheitshalber frage ich kurz darauf bei zwei mir entgegenkommenden Mitgliedern der örtlichen Dorfjugend nochmal nach dem Supermarkt und nach einem Imbiss, Grill, Pizzeria, Restaurant oder was auch immer hier in der Gegend Essen zubereitet. Und tatsächlich wissen sie von einer Pizzeria zu berichten, die sogar genau in meiner Richtung liegt. Da die beiden Jungs ein altes, klappriges Damenrad neben sich her schieben, frage ich, ob es technische Probleme gibt. Und tatsächlich, die Kette ist abgesprungen und und man braucht einen Sechskantschlüssel um das Hinterrad zu lösen. Den habe ich zwar nicht, aber mein Leatherman-Tool hat eine Zange, die hier zum Einsatz kommt. Die Zange sollte noch ein zweites Mal hilfreich sein, als ich einem alten Mütterchen in Velgast damit den widerspenstigen Chip aus dem Einkaufswagen ziehe. War das schwere Ding wenigstens nicht ganz umsonst mitgekommen.

Mich an den wohltuenden Schnaps aus dem Flachmann am vergangenen Abend erinnernd kaufe ich ein Gebinde feinstes Kräutergebräu, was sich perfekt den Trikottaschen anpasst. Leichte Probleme gibt es das Absacker-Bierchen nebst Minisalami und einen Joghurtdrink zu verstauen. Hier habe ich noch Ausrüstungsdefizite. Gut, dass die Trikottaschen so dehnbar sind.

Angekommen in Martensdorf biege ich vom Track ab Richtung Niepars, wo im Örtchen Duvendieck, 5 km vom Track entfernt das Naturcamp „Zu den zwei Birken“ liegt. Auf dem Weg dorthin passiere ich um kurz nach Acht tatsächlich eine offene Pizzeria. Bzw. das, was man hier darunter versteht. Ich nenne sie mal die „Pizzeria des Grauens“. Der Hunger ist groß und der Alternativen sind wenige bis keine, also nehme ich all meine Mut zusammen und bestelle dort eine Pizza. Man kann sogar auf Hockern sitzen und es gibt nebenan eine Toilette. Wenn aber schon der Besitzer zuckt, wenn man nach Selbiger fragt und nur zögernd den Schlüssel herausrückt, sollte man gewarnt sein. Die Fotos, die ich aus rein dokumentatorischen Zwecken davon gemacht habe scheue ich mich hier zu veröffentlichen. Ich sage nur so viel: Es gibt dort kein Wasser, und das offensichtlich schon länger nicht. Am Ende wird mir als Entschuldigung das Bier nicht berechnet. Immerhin.

Auf dem Campingplatz werde ich freundlich begrüßt und mir wird ein Platz auf der noch leeren Zeltwiese zugewiesen, gleich neben einem praktischen Unterstand. Die Duschen sind perfekt und heiß und bald liege ich im Zelt und genieße mein Bierchen. Spät am Abend, vielleicht gegen 23 Uhr sehe ich ein paar weitere Graveller unweit von mir Ihre Zelte aufbauen.

Um etwa drei Uhr in der Nacht gibt es ein heftiges Gewitter von dem ich wach werde. Ich zähle die Sekunden nach dem Blitz und stelle fest: Noch 1-2 km entfernt. Plötzlich ein Blitz und zeitgleich ein Mordsknall, jetzt ist das Gewitter defintiv exakt hier. Mulmig denke ich an den stählernen Grill mit 2m hohem Kamin, der etwa einen Meter neben meinem Zelt steht. Aber in der Folge kommt nur noch ein heftiger Regen runter. Zumindest weiß ich jetzt, dass mein Zelt dicht ist.

Am Morgen ist die Wiese feucht, aber das Wetter wieder freundlicher. Ich begrüße die beiden anderen Hanse-Graveller von denen einer nur unter einem Tarp geschlafen hat. Auf dem Platz ist die ganze Elektronik ausgefallen. Es gibt kein WLAN mehr und auch die elektronische Kasse streikt. Das werden die Folgen des Blitzeinschlages gewesen sein. Während die beiden Kollegen noch packen mach ich mich schon auf den Weg und suche mir ein Frühstück. Zurück auf dem Track finde ich einen Supermarkt mit angeschlossenem Bäcker und vertilge dort erstmal zwei reichlich belegte Brötchen und Cappuccino.

Mir ist mittlerweile klar, dass ich eine Nacht durchfahren müsste um rechtzeitig am Sonntag mittag in Stettin einen Zug zu bekommen. Eigentlich kein Problem, aber richtig Lust habe ich dazu nicht. Die Strecke ist einerseits zu schön um nachts weggedrückt zu werden und aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit dem Zustand ist mir auch nicht ganz wohl dabei. Ich möchte aber auf jeden Fall in Stettin ankommen und nicht schon vorher Richtung Pasewalk beidrehen, wo meine Rückfahrkarte offiziell beginnt.

Also werden die mitgeführten analogen Kartenausdrucke studiert. Es ergibt sich schnell eine geeignete Abkürzung. Ich schenke mir die Schleife um die Insel Usedom, das spart gut 80 km. Meinem Kollegen Daniel, der es trotz noch nicht ganz überstandener Beinverletzung bis Lübeck geschafft hatte, verdanke ich den Hinweis auf eine kleine Pension in Hintersee, die er als letzte Schlafstätte eingeplant hatte. Die liegt kurz vor der polnischen Grenze vielleicht 30-40 km vor Stettin und wird nun von mir online gebucht. Wenn alles glatt geht sollte ich am späten Abend dort sein.

tbc…

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2 Kommentare zu „Hanse Gravel 2019 – Pt.2

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  1. Schöne Bilder, Markus! Ich frage mich, wie Du Dir die Zeit dafür nimmst. Mir ist es das Anhalten (und erst das Anfahren!) oft nicht wert, bereue es aber bei den Resultaten. Ich bin auf die Abkürzung gespannt!!!
    Gert

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Gert,
      das kann ich Dir verraten: Ich habe meine wasserdichte Kompaktknipse (Nikon AW100) bei der Fahrt immer um den Hals hängen und schieße die meisten Bilder ohne anzuhalten. OK, manchmal halte ich natürlich auch an. Mit dem Handy geht das meist schief. Das Gefummel mit entsperren, Fotoapp wählen und dann den Touch-Auslöser drücken ist mir zu viel. Von Handschuhen, die man dazu evtl. ausziehen muss will ich erst gar nicht anfangen. Aber anderen gelingt das offenbar gut. Das hat aber sicher auch damit zu tun, dass mein mobiles Fon nicht mehr das neueste Modell ist und daher etwas langsam reagiert.
      Viele Grüße aus Duisburg,
      Markus

      Gefällt 1 Person

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