Ersatzhandlungen Pt.1

150, 200, 300 km

Dass das Jahr 2020 später mal nicht gerade mit positiven Erinnerungen glänzen wird muss ich vermutlich nicht erst erklären.

Die letzte nennenswerte Tour vor dem Lockdown fuhr ich Ende Februar gemeinsam mit Biking Tom. Eine holländische Truppe von Trailrunnern hatte kurzerhand aus ihrem Devils Run einen Devils Ride abgeleitet. Eine super Strecke durch die Maasduinen von knapp 80 km Länge (Ich vermute, der Lauf ist etwas kürzer). Da Tom deutlich regelmässiger bloggt als ich, und auch noch die deutlich besseren Fotos macht, spare ich mir einen eigenen Beitrag und verweise gerne auf Toms Bericht. Die Strecke könnt ihr euch hier bei Strava anschauen.

Meine weiteren radfahrerischen Pläne für 2020 umfassten neben ein paar offiziellen Brevets die zweite Ausgabe des Hansegravel, von Hamburg nach Stettin, den ich im letzten Jahr aus Zeitgründen etwas abgekürzt hatte. Dieses Mal wollten neben Kollegin Claudia und Biking Tom noch weitere Bekannte aus meinem Umfeld teilnehmen. Wenig später sollte es mit Claudia und Jan, den wir vor einem Jahr bei einem Brevet kennenlernten, im Rahmen der Fleche Allemagne am 1. Mai zur Wartburg gehen. Ende August findet erstmals ein Ironman 70.3 in meiner Heimatstadt Duisburg statt. Den wollte ich als Teil einer Staffel bestreiten, weil Schwimmen nun mal so gar nicht meins ist. Noch ist der zwar nicht offiziell abgesagt, aber eigentlich glaubt da keiner mehr dran. Alles schön geplant, Zugfahrten und Hotels gebucht, Vorfreude satt und außer ein paar Gutscheinen und Stornokosten ist davon nix über geblieben. Aber wem erzähl ich das. So, oder so ähnlich wird es den meisten anderen sicher auch gehen.

150

Also müssen Ersatzveranstaltungen im kleinen bzw. kleinsten Rahmen (d.h. allein) her. Gut eine Woche nach den ersten Beschränkungen und der Absage des 200er Brevets fahre ich mit Kollegin Claudia dann eine Trassenrunde, die ich schon vor längerer Zeit mal auf Komoot geplant hatte. In unserer Region gibt es etliche alte Bahntrassen, die zu Rad- und Wanderwegen umfunktioniert wurden. Diese hatte ich zu einer Tour von rund 150 km verbunden. Zunächst hatten wir erwogen die Original Brevetstrecke zu fahren, aber die hätte zum größten Teil durch Holland geführt und es hieß seinerzeit, die Einreise wäre nicht erlaubt. (Was sich später, zumindest für einzelne Radfahrer, als nicht so dramatisch herausstellen sollte). Also dann die Alternative in heimischen Gefilden. Wir folgen ab Duisburg grob dem Ruhrtalradweg bis zum Panoramaradweg Niederbergbahn. Bei Wuppertal geht es auf die Nordbahntrasse, durch den Schee Tunnel dann auf die Kohlenbahntrasse nach Sprockhövel und Hattingen. Entlang der Ruhr muss teilweise das Hochwasser umfahren werden bis Bochum Dahlhausen, wo es auf der Springorumtrasse bis Bochum Mitte weitergeht. Wir quälen uns durch die Bochumer City bis wir auf die Erzbahntrasse stoßen. Diese führt uns bis zum Rhein-Herne-Kanal am Gelsenkirchener Zoo. Das letzte Stück entlang des Kanals bringt uns wieder nach Duisburg.

Der Reiz der Trassen liegt vorrangig darin, dass man auch in dicht besiedelten Regionen, wie dem Ruhrgebiet, recht unbehelligt von störendem Autoverkehr gut Strecke machen kann. Und mit größeren Steigungen ist auch nicht zu rechnen. Jedoch ist die Aussicht manchmal etwas eintönig.

200

Einen Monat später, am 15. April, wären Claudia und ich eigentlich mittags per Bahn auf dem Weg nach Hamburg gewesen um Tags darauf den Hansegravel in Angriff zu nehmen. Stattdessen hatte ich mir eine 200er Strecke zusammengebaut, die ich an dem nun freien Tag in Angriff nehmen wollte. Erst am Vorabend fällt mir ein, dass Claudia ja vermutlich auch Leerlauf haben könnte. Im Corona-bedingten Homeoffice bleibt halt so mache Information auf der Strecke. Also angerufen und nachgefragt, ob Pläne vorlägen. Sie wolle so 100 km fahren, hieß es. Ich 200, das ist mehr! Und mehr ist immer besser, oder? Das reichte zur Überzeugung. Und so haben wir gemeinsam eine schöne Strecke zwischen Rhein und Maas zurückgelegt.

300

Anfang Mai nehme ich dann noch knapp 300 km unter die Räder. Der „Schmitzer„, eine Strava-Bekanntschaft aus der Gegend von Kevelaer, hat kurz zuvor eine 200er-Runde zwischen Waal und Maas entlang der Deiche zurückgelegt. Diese habe ich mir von ihm geborgt, mit der Anfahrt aus Duisburg ergänzt und fertig war meine 300er Strecke. Claudia war diesmal nicht dabei und somit fehlte mir ein wenig das mahnende Regulativ, was mich mitunter erinnert etwas zu essen, zu trinken oder schlicht eine kleine Pause einzuschieben. Das sollte sich noch bitter rächen. Auf den Deichen lässt sich trefflich ballern und ich hatte Getränke und Futter knapp kalkuliert denn ohnehin sind die Pausen der größte Feind des Vorankommens.

Der vom Schmitzer gefahrene Teil, der etwa bei Kevelaer beginnt ist eine reine Rennradstrecke zum großen Teil auf den Deichen von Waal und Maas. Das Wetter ist trocken, kalt und später sogar sonnig, jedoch mit einem zwar leichten, aber beständigen Gegenwind auf den ersten 130 km. Da eine Einkehrmöglicheit unterwegs fraglich ist, nehme ich zwei belegte Brötchen, ein paar Riegel und zwei Bidons mit insgesamt knapp 1,3 l Wasser mit. Ein paar Kleinigkeiten wird man unterwegs sicher noch bekommen. Um keine Zeit zu verlieren hat als Frühstück nur eine Banane und ein Glas O-Saft hergehalten. Und so sitze ich um 8:30 Uhr im Sattel in Richtung Niederrhein, mit dem Ziel in etwa einer Stunde irgendwo einen schnellen Kaffee zu trinken.

Aber es ist nicht nur Sonntag, sondern auch mitten im Corona Lockdown. Irgendwie habe ich mit mehr geöffneten Bäckereien gerechnet. Nach gut 30 km, kurz hinter Alpen lockt eine gemütliche Bank an einem idyllischen Wanderweg. Na gut, dann eben kein Kaffee. Wasser zum Brötchen ist ja auch ganz nett.

Erste Pause mit zweitem Frühstück ohne Kaffee

Kurz darauf geht es plötzlich im Wald über einen sehr graveligen Abschnitt steil bergauf. Da habe ich so nicht mit gerechnet. Gut, dass ich gerade erst aus der Pause komme.

Überraschung!

Vorbei an Sonsbeck und Kalkar geht’s bei Emmerich über den Rhein. Wenig später biegt der Track nach Westen ab um etwa bei km 100 endlich den Waal-Deich zu erreichen. Ab jetzt lange geradeaus auf der gut asphaltierten Deichkrone. Hier sind immer mal wieder Rennradler in kleinen Gruppen oder auch allein unterwegs an die ich mich anhänge. Und immer noch Gegenwind.

KM 125: Ein mobiler Imbissstand verlockt zum anhalten

Bei Km 160 fliessen Waal und Maas aneinander vorbei und ich wechsele die Deiche. Ab jetzt fühlt es sich nach Rückweg an und auch mit dem Gegenwind ist Schluss. Das zweite Brötchen findet kurz darauf seine Bestimmung.

Bei km 190 passiere ich ein Restaurant mit Terrasse direkt an der Maas. Ohne Corona wäre es vermutlich gut besucht, jetzt werden die wenigen passierenden Gäste geordnet abgearbeitet. Natürlich alles nur „to go“. Ich entscheide mich für Eis und Cola, setze mich runter an die Maas und melde mich nochmal zu Hause. Als ich aufbreche ist es etwa 17 Uhr, die gut 100 km Rest sollten bis 21 Uhr erledigt sein. Dachte ich …

Ab jetzt halte ich die Uhr genauer im Auge, die verbleibenden Riegel und das Wasser werden genau eingeteilt. 50 km später esse ich den letzten Riegel, weitere 25 km und der letzte Rest Wasser rinnt aus der Flasche. Es sind noch 30 km, die kann ich trocken überstehen. Wer viel trinkt braucht nur viel Biopausen.

Der letzte Schluck

Dann, kurz vor Neukirchen, noch 20 km zum Ziel, wird urplötzlich der Stecker gezogen. Wo es vorher mit 30 Sachen läuft geht der Tacho nicht mehr über 15, ohne Steigung, ohne Gegenwind. Beine leer. Das muss der Hungerast sein, von dem immer berichtet wird. Ich schleiche Richtung Neukirchen in der Hoffnung noch irgendwo etwas Essbares ergattern zu können. Zwei Passanten frage ich nach einem geöffneten Imbiss oder Kiosk. „Das ist ein kleines Dorf“, sagen Sie, „hier gibt es nicht viel“. Auf meine weitere Frage, wo ich zum Zentrum gelange lautet die Antwort: „Hier ist das Zentrum, das ist ein kleines Dorf“. Es gäbe eine Pizzeria, aber die habe in diesen Zeiten geschlossen. Während ich resignierend weiter rolle zeigt sich plötzlich, einer Fata Morgana gleich, eine Eisdiele und direkt daneben die besagte Pizzeria, die doch geöffnet hat. Die Rettung. Ich schleppe mich zum Eingang und frage durch die offene Tür, ob ich wohl eine Pizza bestellen kann. Klar, lautet die Antwort, und da sonst keiner hier ist darf ich sogar drinnen auf einem Hocker sitzend darauf warten. Als die Pizza dampfend aus dem Ofen kommt bestelle ich noch eine Flasche kalten Bieres dazu (isotonischer Durstlöscher und auch noch nahrhaft!) und feiere meine Rettung auf einer Parkbank vor der Tür.

Die rettende Ration!

So gestärkt fallen die letzten 20 km leicht. Notiz an mich: Immer einen Notriegel mehr einpacken und diesen nicht mit verplanen! Lessons learned!

Hier gibts die Strecke auf Strava.

Fortsetzung folgt …

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