Candy B. Graveller 2022 Pt.2, Es wird ernst

Am nächsten Morgen war schon früh ein allgemeines Rumoren zu vernehmen, welches von umtriebigem Abbauen und Packen verkündete. Raus aus den Daunen und schnell die notwendigste Morgentoilette erledigt. Ein Schmalspurfrühstück aus ein paar Riegeln und etwas Wasser musste erstmal reichen bis zum ersten Bäcker, der nach etwa 30 km nahe des Tracks in Geiselbach hoffentlich mit hochkalorischen Backwaren aufwarten würde. Obwohl ich auch nicht trödelte war ich doch um kurz vor acht eher einer der letzten die nun aufbrachen.

Morgendlicher Aufbruch

Beim letzten Gang ins Vereinsheim des örtlichen Aeroclubs um die erforderlichen elektronischen Geräte vom Lader zu trennen begegnete mir Flaminga Annette, die ebenfalls gerade aufbruchsbereit war. Die Frage ob wir die heutige Etappe zunächst gemeinsam angehen sollten beantwortete ich gerne mit ja. Ein wenig nette Gesellschaft ist der Moral sicher förderlich. Und bei den für heute angekündigten Höhenmetern ist moralische Unterstützung gerne genommen! So rollten wir gemeinsam los und erreichten nach wenigen Kilometern die Brücke über den Main, wo bei der Erstausgabe des Candy 2017 der „Bananenmann“ Kalli nachts den Piloten auflauerte um in bester Trailmagic Manier eben Bananen und Süßigkeiten zur Stärkung zu reichen!

Kurze Zeit später wurde es dann zum ersten Mal etwas unangenehmer, oder sagen wir besser herausfordernder. Über 3 km ging es mit teils 15% Steigung kontinuierlich durch den Wald bergauf. Wenigstens war der Weg an sich gut fahrbar. Mit meinem 40er Kettenblatt und einem 42 Ritzel konnte ich mich hier noch hochschrauben. Nur warm wurde es dabei und Annette fiel etwas zurück. Am Ende der langen Steigung lud ein brandneue Schutzhütte zur kurzen Pause ein. Von hier hatte man auch einen tollen Ausblick ins vorausliegende Tal. Nach einer Weile kam Annette angekeucht, die unterwegs ein paar mal angehalten hatte um sich diverser Kleidungsstücke zu entledigen.

Hier kamen ihr zum ersten mal Zweifel, ob sie das nächste Camp wohl heute aus eigener Kraft erreichen würde, denn an Steigungen wird es die nächste Zeit erstmal nicht mangeln. So trennten sich unsere Wege in der Gewißheit, dass man sich in den Camps sicher wiedersehen würde. Nach einigen Kilometern leichtem Auf und Ab durch den Wald machte man sich daran den größten Teil der erklommenen Höhe in einer langen Abfahrt gen Michelbach wieder zu vernichten. „What goes up must come down“ sangen schon Blood, Sweat & Tears in ihrem Lied „Spinning Wheel“ im Jahre 1969 und diese Lyrics sind mein Mantra wenn es bergauf mal wieder hart wird. Doch auch anders herum wird ein Schuh draus, denn wenn es bergab geht wird der nächste Anstieg nicht lange auf sich warten lassen. Hinter Michelbach lauerte er dann auch: Der sagenumwobene Weinberg, der auch die stärksten Waden erzittern lässt. Die Steigung mit bis zu 30% ließ die meisten demütig absteigen und das Rad heraufschieben. Ein paar sollen aber auch gefahren sein. Auf der Anhöhe pausierte ich kurz um noch einen Riegel nachzulegen und einen Schluck zu trinken, bevor es etwas moderater mal wieder durch den Wald ging.

Nun war es auch nicht mehr weit bis zum Bäcker in Geiselbach. Dieser lag zwar nur einen knappen Kilometer abseits des Tracks in den Ort hinein, jedoch ging es dorthin nur abwärts. Was das heißt ist klar, denke ich. Dort waren auch ein paar weitere Candypiloten anzutreffen und der Bäcker hielt, was wir uns vom ihm erhofft hatten. Nach einer guten halben Stunde machten wir uns wieder auf den Weg. Mittlerweile war es fast 11 Uhr und auch der heutige Tag schien entgegen der Vorhersage erstmal trocken zu bleiben. Kaum wieder auf dem Track angelangt kam mir Annette aus einer Seitenstraße entgegen. Sie hatte sich auf dem Weg zum Bäcker noch verfahren und war beim Wenden dann gestürzt. Außer einem verbogenen Schaltbremsgriff, den ich aber wieder richten konnte, war wohl nichts Schlimmeres passiert, aber die Moral hatte stark gelitten. Sie wollte erstmal den Bäcker aufsuchen und dann schauen auf welchem Wege sie es zum Camp macht. Erneut verabschiedeten wir uns und ich setzte meine Reise alleine fort. Eine knappe Stunde später, mal wieder nach einem etwas längeren Anstieg, sah ich einige Piloten an einer Schutzhütte auf einer kleinen Lichtung im Wald herumlungern. Beim Näherkommen war der Grund für die kleine Versammlung auszumachen: Der „Bananenmann“ Kalli hatte es sich erneut nicht nehmen lassen für amtliche Trailmagic in Form von zünftigem Radler, Bier, Bananen und weiteren Leckereien zu sorgen! Da legt man doch gerne eine kurze Pause ein!

Radler war schon alle (ich war wohl spät dran) also musste ich „leider“ ein Bierchen zischen. Außer, dass ich dann erfahrungsgemäß häufiger eine Biopause brauche wird mich das bisschen Alkohol schon nicht bremsen.

Die nächsten Kilometer ging es tendenziell bergab auf mitunter überraschenden Wegen durch Wald und Flur. Dann folgte ein langer ebener Abschnitt über Wächtersbach und Bad Soden entlang des Flüsschens Kinzig bis zur Kinzigtalsperre. Hier lief es gut und ich konnte vergleichsweise bequem Kilometer schinden. Zur Abwechslung auch mal gerne genommen.

Gegen viertel vor Zwei erreichte ich hinter der Talsperre das Örtchen „Steinau an der Straße“. Hier sollte es nach meinen Recherchen eine Pizzeria geben, der ich gerne einen Besuch abstatten wollte. Hätte ich mal nach Alternativen Ausschau gehalten. Die Pizzeria entpuppte sich als eine mit heißer Nadel zusammengeschusterte Bude mit notdürftigem Sitzplatz und einer nicht für Gäste vorgesehenen Toilette, die ich auf Anfrage trotzdem benutzen durfte. Kein Vergnügen! Irgendwie habe ich immer das Talent die letzten Bruchbuden aufzuspüren. Eine gute Stunde hatte mich die Pizzaaktion gekostet und dann lag mir der Teigling noch den Rest des Tages wie ein Stein im Magen.

Hinter Steinau gings dann gleich wieder in die Felder und neue Höhenmeter kamen auch noch dazu. Etwa die Hälfte der Strecke lag nun hinter mir und es war fast drei Uhr. Einmal die Höhen erklommen schlängelte sich der Track nun gemäßigt auf und ab bis sich plötzlich eine durchaus nennenswerte Menge Schnee auf der Strecke fand. Glücklicherweise war es kurz darauf wieder trocken auf den Wegen und sogar die Sonne ließ sich blicken! Ich näherte mich schließlich dem Örtchen Neuhof, wo die im Volksmund „Monte Kali“ genannte Halde mit einer Höhe von gut 500 Metern die Aussicht bestimmt. Diese Aufschüttungen bestehen hauptsächlich aus Steinsalz, einem unbrauchbaren Nebenprodukt welches beim Abbau von Kalisalzen anfällt, den die Firma K+S (Kali & Salz) hier betreibt.

Mittlerweile hatte ich rund 100 km auf dem Tacho für heute und Fulda, als nächstes großes Zwischenziel, war nicht mehr weit. Die Gegend wurde allmählich wieder zivilisierter, d.h. die Wege wurden besser zu befahren, je mehr ich mich Fulda annäherte. In der Stadt führte der Track vorbei am Dom zu Fulda und wieder ereilte uns Gutes in Form von Trailmagic! Hans vom Podcast fahrradio lauerte den Piloten auf, fing ein paar Originaltöne für seinen Podcast ein und versorgte uns im Gegenzug mit Süßigkeiten und Getränken. Danke auch dafür!

In Fulda begegnete ich auch Miriam (nicht Marion!), die sich hier schon 1,5h bei einem Radladen behandeln ließ, weil ihr Schaltwerk, bzw. die Schaltröllchen nicht mehr richtig mitspielen wollten. Zunächst funktionierte auch alles scheinbar wieder vorschriftsmäßig. Auf etwa halber Strecke dann zwischen Fulda und dem nächsten Camp bei Steinbach passierte dann das Malheur: Ein Schaltröllchen stellte die Arbeit ein und blockierte, der Schaltkäfig verbog und mit ihm auch das Schaltauge. Ein weiterer Mitfahrer ging helfend zur Hand um das Schaltwerk zu demontieren und die Kette zu kürzen. So könnte Miriam versuchen die letzten knapp 16 km wenigstens als Singlespeeder zurückzulegen. Ich machte mich, ausgestattet mit Miriams Telefonnummer, auf den Endspurt zum Camp um dort den Fahrer des Busses von Partner bike-components zu bitten, Miriam doch im Wald aufzulesen, da ein einzelner Gang vielleicht ein wenig zu optimistisch war für die Reststrecke. Als Paul von bike-components dann Miriam anrief war sie schon fast da und nur noch eben etwas einkaufen für den Abend. Soll mir hier keiner vom schwachen Geschlecht anfangen zu schwafeln!

Das Camp war ein großzügig angelegter öffentlicher Grillplatz mit Hütten, Strom und Kühlmöglichkeiten. Hier hatte Simon von der Groundcrew neben einem Feuer auch für kühles Bierchen gesorgt! Mann, was geht es uns gut!

Gunnar und Walter – Letzterer gondelte mit Hund und Wohnmobil von Camp zu Camp um uns zu supporten – nahmen sich direkt Miriams ausgebautes Schaltwerk vor und versuchten dies wieder zur Arbeit zu überreden. Miriam hatte nicht nur ein Ersatzschaltauge dabei, sondern auch Ersatzschaltröllchen. Gut ausgestattet, sag ich mal. Am Ende konnte sie alle Gänge, bis auf den leichtesten wieder schalten. Ich persönlich hätte ja eher auf den schwersten Gang verzichten können.

Die Wettervorhersage für den morgigen Tag sah nicht gut aus, auch wenn wir bislang noch echt gut weggekommen waren. So entschied ich mich in einer der Hütten meinen Schlafsack auszurollen um nicht am Morgen ein nasses Zelt einpacken zu müssen.

Ende gut, alles gut!

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht welch glückliche Fügung es sein sollte, dass ich Miriams Nummer in meinem Handy hatte…

tbc.

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