Candy B. Graveller 2022 Pt.3, Die Hölle von Frömmstedt

Nach einer kurzen Nacht auf hartem Beton wachte ich früh um 5 auf. Das Wetter heute sollte scheinbar halten, was uns zuvor von der Vorhersage versprochen wurde. Kurz: Es sollte sehr nass werden. Aber das sollte nicht das Hauptproblem dessen darstellen, was die Streckenscouts uns heute servieren würden.

Nach dem üblichen Gewusel alles Zeug wieder ans Rad zu schnallen, dem obligatorischen Riegel-Wasser-Minimalfrühstück und den notwendigsten Hygieneversorgungen hieß das erste Zwischenziel natürlich wieder Bäcker! Im leichten Regen rollte es um viertel vor sieben zunächst auf passabel ausgebauten Wegen rund 16 km bis zum Bäcker in Rasdorf. Kurz darauf passierte ich die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Ab hier ging es dann an dieser entlang für einen anstrengenden und sehr eindrücklichen Teil über den ehemaligen Kolonnenweg, der mit den berüchtigten Lochbetonplatten ausgelegt ist. Die Lochplatte ist tückisch zu fahren und der Kolonnenweg geht naturgemäß ohne jede Rücksicht auf und nieder über jeden Hügel. Auch hier war mal wieder etwas schieben angesagt. Nach gut 5 anstrengenden Kilometern ging es plötzlich auf extrem ausgewaschenem Grund so steil bergab, dass auch hier geschoben werden musste. „Schieben“ ist allerdings relativ. Zu Fuß schlittern und bremsen trifft es schon eher.

Der Kolonnenweg wurde hier verlassen und nach einem Stückchen Landstraße radelte es sich gut über den Ulstertalradweg, der entlang des (Überraschung!) Flüsschens Ulster verläuft. Zwischen Vacha und Philippsthal folgte der Track nochmal ein Stück der alten Grenze, wo auch ein paar Landmarken an diese erinnerten.

Grenzen überwinden

Stumme Zeitzeugen bei Vacha
Richtung Philippsthal sind wieder Spuren des K+S Bergbaus zu sehen

Schon bald wurde die Streckenführung aber wieder rustikaler und die nächsten Schiebepassagen standen (zumindest für mich und einige andere) auf dem Plan.

Ich durchquerte Heringen und folgte grob der Werra gen Nord-Osten. Immer wieder fiel Regen, so dass man nicht wirklich trocken wurde. Zumindest kam der Wind tendenziell eher von hinten. Das machte es etwas leichter. Der nächste Ort mit nennenswerter Infrastruktur war Berka an der Werra, wo ein Supermarkt mit angeschlossenem Bäcker zu einer kurzen Rast einlud. Einschlägige Fortbewegungsmittel vor der Tür zeugten davon, dass auch andere die Einladung nicht ausschlugen. Ich hatte allerdings keinen richtigen Appetit und kaufte nur etwas Obst, Minisalami und eine Buttermilch und setzte mich randonneursmäßig auf die Bordsteinkante in den Regen.

Das Wetter lud nicht zum Verweilen ein. Gut, so sind die Pausen wenigstens nicht so lang. Nächstes ikonisches Zwischenziel war die legendäre Hainichbaude, ein kleines Ausflugslokal, das, wie der Name schon verrät, im Nationalpark Hainich liegt. Ab dort sollte, so der Kopf der Veranstaltung, Gunnar Fehlau, das Schlimmste vorbei sein und es eigentlich nur noch bergab gehen. So so, lassen wir uns überraschen. Auf dem Weg dorthin passierte ich noch einen extrem matschigen Lehmpfad, der schon auf früheren Ausgaben des Candy für viel Freude gesorgt hatte. Nach wenigen hundert Metern war der Matsch Geschichte. Okay, hatten wir das also auch hinter uns gebracht. Ich sollte noch eines Besseren belehrt werden!

Inzwischen war es knapp halb drei und in Berka vor dem Hainich (das heißt wirklich so) sollte es wieder einen Bäcker geben. Mittlerweile hatte ich auch ein wenig Hunger bekommen. Der Regen nahm beständig zu während ich durch den kleinen Ort irrte und den Bäcker nicht fand. Selbst nachfragen bei der einheimischen Bevölkerung und entsprechende Hinweise führten nicht zum Ziel. Plötzlich stand ich vor einer Hofeinfahrt und entdeckte ein kleines Schild mit der Aufschrift Landbäckerei. Nichts deutete darauf hin, dass es sich hier um irgendeine Art von Ladenlokal handeln sollte. Die Tür war leider geschlossen und so setzte ich mich frustriert auf die Treppe und packte ein paar Riegel aus. Ein Knirps mit Einkaufstasche betrat die Szenerie. Ich rief ihm zu, dass wohl geschlossen sei. Er sah mich komisch an (ich glaubte einen Hauch von Mitleid in seinem Blick gesehen zu haben) und betrat das Haus durch eine Nebentür, die ich im Leben nicht für den Eingang einer Bäckerei gehalten hätte. So kam ich doch noch zu zwei Kuchenstücken. Leider gab es keine Sitzgelegenheit in der kleinen Bäckerei, die auf mich so wirkte als ob jemand aus seiner privaten Küche heraus Backwaren verkauft.

Also kurbelte ich mit meinem Kuchen weiter durch den Ort um schließlich in einer geräumigen Bushaltestelle einen leidlich bequemen sowie wind- und regengeschützten Sitzplatz zu finden. Jetzt fing es richtig an zu schütten und meine Regenradar-App sagte, dass dies noch gut 40 Minuten anhalten sollte. Also blieb ich eine gute halbe Stunde hier sitzen und wartete bis der Regen etwas nachgelassen hatte.

Und weil es Berka vor dem Hainich heißt beginnt dahinter – Richtig – natürlich der Hainich. In einer langen Steigung ging es hinein in den Nationalpark. Nach dem Anstieg bot sich ein beeindruckender Blick zurück über das hinter mir liegenden Tal.

Der Blick zurück. Das Wetter zeigte sich langsam versöhnlicher.

Noch 15 Kilometer bis zur Hainichbaude. Ich hatte zwar nicht vor dort einzukehren, aber anschauen wollte ich mir die Hütte auf jeden Fall. Im Hainich ließ sich es recht gut radeln, jedoch waren die Wege durch das nasse Wetter teilweise sehr aufgeweicht. In stetem Auf und Ab, immer versuchend die schlimmsten Passagen zu umfahren ohne den Track zu verlassen, ging es auf den Wanderwegen voran. Einige Wegweiser zur Hainichbaude waren zu finden, jedoch hatte ich den Eindruck, dass der Track nicht gerade den kürzesten Weg dorthin wies.

Als das Zwischenziel endlich in Sicht war, kam mir Miriam entgegen, die gerade ihre Rast in der Hainichbaude beendete hatte. Wieder waren ein paar dreckige, bepackte Räder vor der Hütte geparkt und ich entschied mich entgegen meines ursprünglichen Plans doch nochmal einen kurzen Stopp einzulegen. Drinnen war es warm und gemütlich und kleiner, als ich vermutet hatte. Ich gesellte mich zu Lea und Ulrich, zwei weiteren Candypiloten, über deren Gesellschaft ich später am Tag noch sehr froh sein sollte. Ich bestellte etwas herzhaftes zu Essen und gönnte mir auch noch ein Bier. Tatsächlich sollten es von hier zwar immer noch rund 75 km zum nächsten Camp sein, aber es hieß ja, ab hier wird alles leichter. Was die Höhenmeter anging stimmte das wohl auch, aber es gibt ja nun auch noch andere Unbillen, denen man auf so einer Tour anheim fallen kann.

In netter Gesellschaft veging die Zeit wie im Fluge und so blieben wir fast ein Stunde in der gemütlichen Hütte bevor wir uns noch die Bidons auffüllen ließen und um kurz vor 18 Uhr wieder starteten. Unseren optimistischen Schätzungen zufolge sollte die Ankunft im Camp bis 22 Uhr zu schaffen sein.

Ha ha ha!

Tatsächlich ging es wie verspochen bergab, aber über sehr aufgeweichte Wiesenwege, die teils deutlich unter Wasser standen. Selbst als wir einen weiteren Ort passierten fehlten dort anständige Wege. Ein kleiner Navigationsfehler führte mich sogar nochmal kurz in ein matschiges Lehmfeld, woraus ich aber problemlos wieder entkommen konnte. Immer mal wieder begegneten wir uns einander. Mal fuhr ich vorne, mal Lea, mal Ulrich.

Als es langsam dunkelte war ich wieder allein unterwegs. Nachts ist es deutlich anspruchsvoller in unwegsamen Gelände unterwegs zu sein, weshalb der Schnitt dann in den Keller geht. Um 21 Uhr herum muss es gewesen sein, ich hatte Ottenhausen gerade passiert, das Flüsschen Helbe überquert und war auf eine vernünftige Straße in Richtung Osten abgebogen als starker Regen einsetzte und der Wind auf Sturmstärke auffrischte. Da der Wind jedoch von hinten blies und die Straße gut ausgebaut war fühlte sich das Ganze durchaus noch erträglich an. Das änderte sich schlagartig als der Track den Asphalt wieder verließ und nach links ins Feld abbog. Unter den aktuellen Bedingungen war, mit nun Seitenwind und ansteigendem schlechten Feldweg, an Weiterfahrt erstmal nicht zu denken. Da kein Unterstand zu sehen war und es im nahen Wald bei Sturm vielleicht auch nicht allzu sicher ist blieb ich einfach mit dem Rücken zum Wind, frierend mein Rad festhaltend, stehen und hoffte, dass es sich vielleicht nur um einen kleinen Schauer handeln würde. Tatsächlich ließen Wind und Regen nach kurzer Zeit ein wenig nach und ich wagte die Weiterfahrt. Ruppig zwar, aber immerhin ging es weiter und mir wurde wieder etwas wärmer. Lächerliche 25 km trennten mich noch von unserem Camp, in dem es heute sogar etwas warmes zu essen geben sollte.

Ziemlich genau bei km 160 änderte der Track seine Richtung um 90 Grad Richtung Osten. Vorteil war, dass der Wind nun wieder von hinten blies. Als nachteilig stellte sich heraus, dass der Boden immer lehmiger und pappiger wurde und sich der Papp schnell überall festsetzte. Etwa 200 Meter weiter war nicht nur an Fahren nicht mehr zu denken, auch das Schieben funktionierte nicht mehr, da der zähe Lehm alles blockierte. Die Kette hatte den ihr vorbestimmten Platz längst verlassen und in der Dunkelheit war es fast unmöglich das Rad von der zähen Masse auch nur soweit zu befreien, dass zumindest weiteres Schieben möglich wäre. Kurz dachte ich daran umzukehren. Allerdings versprach eine Fortbewegung im Matsch gegen den immer noch extrem starken Wind auch keine große Hilfe. Außerdem bestand immer noch die Resthoffnung, dieser Spuk könnte vielleicht in wenigen hundert Metern vorbei sein, wo der Track wieder die Richtung ändern sollte. Die einzige Möglichkeit der Fortbewegung in der aktuellen Situation bestand leider darin, das Rad, welches mit Lehm bepackt nun vielleicht 40 kg wog mit aller Gewalt hochzureißen und zu versuchen damit soweit wie möglich zu laufen. Das gelang selten mehr als ein bis zwei Schritte, wobei jeder Fuß kiloschwere Lehmbrocken mitschliff. Überflüssig zu erwähnen, das mittlerweile einfach alles mit Matsch überzogen war. Daher gibt es aus dieser Phase auch leider kaum brauchbare Fotos. Die meiste Zeit stand ich schwer atmend mit schmerzendem Rücken und lahmen Gliedmaßen in Sturm und Regen und überlegte fieberhaft, ob es irgendwelche Alternativen gäbe.

Da näherten sich von hinten zwei Lichter. Lea und Ulrich hatten sich ebenfalls mit vergleichbaren Methoden in dieser Hölle vorgekämpft. Lea hatte irgendwie immer noch gute Laune, aber eine zündende Idee, wie wir hier entkommen konnten hatten wir alle nicht. Wenn irgendwo ein Unterstand oder wenigstens ein Mäuerchen als Windschutz gewesen wäre, hätten wir dort ein Notlager aufgeschlagen und das Ganze Unwetter einfach abgewartet. Aber hier war nur flaches Feld und viel Matsch.

Plötzlich sahen wir etwas von vorne auf uns zukommen. Eines rotäugigen Zyklopen gleich kam eine Gestalt, am ganzen Körper glänzend von Regen und Matsch, auf uns zugewankt. „Menschen“, hörten wir das Wesen stammeln, „Ich war noch nie so froh Menschen zu treffen“. Gerade als wir überzeugt waren, es nicht mit einem Alien zu tun zu haben, stellte sich das Wesen als Marko vor.

Kein Zyklop, sondern Marko aus Berlin

Marko hatte schon ein gute Stunde länger als ich erfolglos mit den Elementen hier gerungen und hatte dabei schon mehrere Stufen der Verzweiflung durchlaufen und mit seiner Frau telefoniert. Jetzt, da wir zu viert waren wurde die Verzweiflung erträglicher, aber eine Lösung für unsere missliche Lage fiel uns trotzdem nicht ein. Wir mussten hier irgendwie herauskommen. Da fiel mir die Nummer von Miriam wieder ein, die ich im Handy gespeichert hatte. Ich wusste, dass sie vor uns sein musste, sie könnte also schon im Camp sein und Paul mit dem Bus von bc bitten uns im ca. 2 km entfernten Ort Frömmstedt einzusammeln. Ich fischte mit klammen und matschigen Fingern mein Handy aus dem Trikot und wählte Miriams Nummer. Sie war jedoch noch nicht im Camp, sondern hatte sich vor uns durch den Sumpf hier gequält und stand nun im Frömmstedt und wartete mit nicht mehr fahrbereitem Rad ihrerseits darauf, dass Paul sie abholte. Natürlich konnte Paul mit dem Bus nicht ins Feld fahren, sondern wir mussten unbedingt den Ort erreichen. Wir verabredeten, dass sie sich meldet, wenn Paul vor Ort ist und wir versuchten derweil den Ort zu erreichen. Das gestaltete sich so, dass wir zu viert je ein Rad nach dem anderen so weit wie möglich trugen. Sobald wir nur einen Moment stehen blieben um zu verschnaufen wurde es sofort kalt. Trotzdem benötigten wir für knapp 500 Meter noch gut 2,5 Stunden! Und es blieben immer noch 1,5 km bis zum Ort. Ein Anruf von Miriam brachte schließlich die naheliegende Lösung: Da die Räder ohnehin nicht alle in den Bus passen würden, sollen wir diese doch einfach irgendwo abstellen und uns zu Fuß mit dem nötigsten Gepäck für die Nacht zum Ort durchschlagen. Auf diese Idee waren wir bis dahin vor lauter Betriebsblindheit nicht selbst gekommen. Das hätte einiges abkürzen können. An dem Abzweig, den wir erreicht hatten waren ein paar Büsche in denen wir unsere Räder zusammenbanden. Wer sollte die hier schon tatsächlich stehlen? Wo wir doch kaum zu viert eins vernünftig getragen bekamen. Das einzige Risiko bestand in meinen Augen darin, dass der Bauer mit seinem Trecker samt Anhänger hier morgens vorbeikommt und sich ärgert, wer wieder seinen Schrott hier abgeladen hat und kurzerhand den Kram auflädt und zum nächsten Wertstoffhof bringt.

Gepäck abtüdeln und Räder Räder sein lassen! Die rettende Idee kam nicht von uns selbst.

Der letzte Abschnitt bis zum Ortsrand zog sich dann doch noch etwas. Wir taumelten mit unserem Gepäck an der Hand bergab während die Wegbeschaffenheit nicht wirklich viel besser wurde. Am Ortsrand kam uns dann endlich Paul mit Bus und kühlem Bier entgegen und kutschierte uns die verbleibenden läppischen 20 Kilometer zum Camp. Es war fast 3 Uhr morgens als wir eintrafen. Natürlich mussten wir den auf uns wartenden Helfern noch erzählen was uns widerfahren war. Wir konnten sogar noch heiß duschen und bekamen ein warmes Essen und ein kühles Bier geboten. Statt noch Zelte aufzubauen schliefen wir in einem Nebenraum des Flugzeughangars. Gegen 5 Uhr morgens wurde der Reißverschluss des Schlafsacks endlich zugezogen.

Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass die ehrenamtlichen Helfer des gastgebenden Aeroclubs selbst nur eine gute Stunde schliefen um rechtzeitig für die Frühstarter das Frühstücksbuffet aufbauen zu können! Das war defintiv die beste Versorgung der ganzen Tour! Tausend Dank dafür!

tbc.

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